Zahnheilkunde

Über die Zähne
mag ich nicht reden –
oder doch nur widerwillig.
Sie sind –
im geöffneten Mund –
ein Zeichen des Scheiterns.
All das Ungesagte
(Liebesworte, süß) hat sich
in Säure gewandelt
und zu den Nerven gefressen.
Und an der Welt
(granitener Fels) hab ich
sie mir ausgebissen.
Der Zahnarzt wird sagen
(tröstend),
es gebe Ersatz und ich sei
an das Ersetzen
schon immer gewöhnt.

© Jost Renner

Demiurg

Man hat mir
eine Zeit gegeben,
als wäre sie
ein Blatt Papier,
in dessen
eng gezognen Rändern
sich – weißen
Fasern gleich – aus
Tag und Stunden
ein undeutbares Muster
formt.
Und all mein Leben
dient dazu,
mich in diese Zeit
zu schreiben :
jeden Tag und jede
Stunde
mit Zeichen zu versehn,
bis sich
eine Ordnung findet und
meine Welt ensteht.

© Jost Renner

Mißtrauen

Ich könnte es wohl Freiheit nennen,
zu leben,
als dürft‘ ich niemals wieder
lieben,
als müßt‘ ich niemals sterben.

Doch ich mißtraue mir :

Sind meine Tage nicht vergeudet,
weil doch
der Tod, die Liebe von mir ein Maß
verlangen,
damit ich es auferlege meiner Zeit ?

© Jost Renner

Zur Lage

Der grimme Winter
ist nun doch gekommen –
es haben viele
von ihm sagen hören,
und niemand
wollt‘ es glauben.

Noch eilen Menschen
durch die kalten Straßen,
die tief in sich
ein warmes Licht bewahren,
doch das muß
recht bald verglimmen.

Allerorten wird man
Brände legen,
nur um sich zu wärmen.
Ihr Rauch zieht
dann zum Himmel hoch,
und unsere Zeit
wird finster werden.

© Jost Renner

Erlösung (V)

Der Tod (aber)
wäre keine Befreiung,
denn er
weiß mich nicht zu begehren :
er nimmt.

Die Haut (aber)
reiße ich mir vom Leib,
die ist
beschrieben mit Träumen von
Menschen –

das Fleisch (aber),
dunkler, matter werdend
durch Schorf,
geht hin zur Unsichtbarkeit –

und hänge sie
in die Zweige der Bäume.

Kommt dann (aber)
ein Wind durch die Apfelblüten,
wird sie,
ich denk‘ es, Gesang,

den Eva (wohl)
zu hören begehrt, denn
in ihm
erkennt sie sich selbst.

© Jost Renner

Verdammnis (IV)

Da ich nun
blindgelesen bin –
die Augäpfel
geschwärzt von den
Geschichten der Welt –
kommen sie,
die Töchter Evas und
Adams Söhne.
Ihre Häute, die sich
nicht schmiegen,
riechen nach Wein aus
vergorenen Äpfeln,
und all ihr Begehren
ist Taumel.
Sie fragen den Blinden
nach Wegen,
fordern Weissagung und
Rat, denn ich
bin für sie Maskottchen
und heiliger Narr.

© Jost Renner