Gedenkrede

Für U. N.

Er ist ein stilles Kind
in einem lauten Krieg gewesen,
und niemand hörte ihn.
Alle Wege hin zu Menschen
erschienen ihm bald endlos weit.
Da lernte er, zu trinken,
lernte prahlen, schimpfen, flirten
und für Stunden laut zu sein.
Und doch ist wohl ganz tief in ihm
ein sehr stiller Ort gewesen,
der ihm Angst und Demut vor dem Leben
und den Menschen anbefahl.
Er ist in seinen letzten Stunden
noch einmal Kind geworden.
So hat ihn die Mutter Tod gefunden
und still ins Ewige gewiegt.

© Jost Renner

Depression

Ein dunkler, stiller Engel
ist zu mir gekommen,
sein Antlitz Schattenspiel,
seine Schwingen Nacht,
und hält in seinen Händen
tausend ausgebrannte Sonnen
und abertausend Sterne,
die schon lang erloschen sind.
Er hat ein jedes Licht
vom Himmel fortgenommen,
und ich weiß nun ganz gewiß :
jede Zuversicht war Traum.

© Jost Renner

Laut

Diese Welt
ist laut geworden,
und tausend
selbsternannte Engel
tönen Regeln
goldner Götzenbilder.

Es gelten
ihnen weder Liebe noch
das Leben,
und jede Predigt ist ein
Ruf nach Blut :
es soll die Götzen nähren.

Diese Welt
ist laut geworden,
daß sie
meine Seele schmerzt,
und in
der Behauptung ist für sie
kein Sein.

Denn sie will
tausend Fragen stellen,
will zweifeln,
und allein dies gilt ihr
als Leben :
Sein als ein Widerwort
zur Welt.

© Jost Renner

Zahnheilkunde

Über die Zähne
mag ich nicht reden –
oder doch nur widerwillig.
Sie sind –
im geöffneten Mund –
ein Zeichen des Scheiterns.
All das Ungesagte
(Liebesworte, süß) hat sich
in Säure gewandelt
und zu den Nerven gefressen.
Und an der Welt
(granitener Fels) hab ich
sie mir ausgebissen.
Der Zahnarzt wird sagen
(tröstend),
es gebe Ersatz und ich sei
an das Ersetzen
schon immer gewöhnt.

© Jost Renner

Demiurg

Man hat mir
eine Zeit gegeben,
als wäre sie
ein Blatt Papier,
in dessen
eng gezognen Rändern
sich – weißen
Fasern gleich – aus
Tag und Stunden
ein undeutbares Muster
formt.
Und all mein Leben
dient dazu,
mich in diese Zeit
zu schreiben :
jeden Tag und jede
Stunde
mit Zeichen zu versehn,
bis sich
eine Ordnung findet und
meine Welt ensteht.

© Jost Renner

Mißtrauen

Ich könnte es wohl Freiheit nennen,
zu leben,
als dürft‘ ich niemals wieder
lieben,
als müßt‘ ich niemals sterben.

Doch ich mißtraue mir :

Sind meine Tage nicht vergeudet,
weil doch
der Tod, die Liebe von mir ein Maß
verlangen,
damit ich es auferlege meiner Zeit ?

© Jost Renner