Nocturne

Ich umhülle mich
mit dem
dunklen Tuch der Nacht
und bleibe
so dem Tag verborgen,
denn dieser
ist ein wildes Tier
und fordert
sonst mein Leben.

Als ein Ruheloser
durchstreife
ich die stillen Stunden,
bin in
die Dunkelheit gebannt.
Mag sein,
ich wandele im Schlaf,
mag sein,
ich bin schon lange ein
Gespenst.

© Jost Renner

Einladung

Komm nur noch einmal mich
besuchen,
wenn Du alt geworden bist
und zeige
mir Dein grau gewordnes Haar,
erzähle mir
vom ungestümen Lauf der Welt
und wie es
Dir in ihr ergangen ist.

Kommst Du mich einmal noch
besuchen,
so sollst Du eine Rose finden,
die – als ein
Abbild meiner Seele – in dunklem
Rot erblüht,
wie sie schon damals blühte, wenn
sie Dich nur sah.
Komm mich besuchen, komm an mein Grab !

© Jost Renner

Übergang

Noch steht die Sonne hell am Himmel,
doch mir ist’s,
als säh‘ ich sie durch Tränen.

Noch blühen in den Gärten dunkle Rosen,
doch scheint mir,
ihr schwerer Duft sei Abschiedsschmerz.

Noch halt‘ ich Dich in meinen Armen,
doch spüre ich,
daß Du Dich schon an mich erinnerst.

© Jost Renner

Ungeduld

Müßte nicht längst Frühling sein ?
Noch aber ist die Sonne
ein bleicher, kalter Gott und
schaut unbewegt auf uns herab,
noch ist der Himmel bis auf seinen
tiefsten Grund gefroren,
und die Gebete, die wir sprechen,
fallen unerhört zu uns zurück.
Noch sind die Bäume vage Schatten,
Mahner einer Zwischenwelt,
in die wir dereinst selber fallen.
Müßte mich nicht schon jene halten,
die ich aus ganzem Herzen liebe,
damit ich ihr nicht verloren geh‘ ?
Müßte nicht längst schon Frühling sein ?

© Jost Renner

Befreiung

Es ist Zeit,
daß Du aus dem Kreise brichst,
in den Du
Dich einst selber banntest,
daß Du auf
das Raunen nicht mehr hörst,
das Dich um
Deiner Zauber willen Tag für
Tag beschwört.
Denn Du willst im Unsichtbaren
wirken, willst
nur Wesen sein und nicht Gestalt,
willst allein
dich Jenen zeigen, die Du liebst.

© Jost Renner