Krisenstimmung

Was aber
weiß ich denn vom Krieg ?
Ich wuchs auf
in friedlichen Zeiten,
da war er
nichts als ein Narbengewebe
unserer Städte,
da gab es nur Bilder aus
fernen Ländern
und noch fernerer Zeit.

Spreche ich
aber von unseren Tagen,
begegnet mir
in manchen verborgenen Winkeln
der Sätze
dieses dunkle Wort als
ein Gespenst,
als soll es mich mahnen.

Träume ich,
dann höre ich in den Reden
Klageschreie
von sterbenden Kriegern.
Ich sehe
die Völker unruhig werden
und brodeln,
als seien sie auf ein Feuer gesetzt
und schlügen
blutig platzende Blasen.

Es wächst
in diesen Träumen ein giftiges Kraut
und wuchert
hinein in meine friedlichen Tage :
ich nenne es Furcht.

© Jost Renner

Gedenkrede

Für U. N.

Er ist ein stilles Kind
in einem lauten Krieg gewesen,
und niemand hörte ihn.
Alle Wege hin zu Menschen
erschienen ihm bald endlos weit.
Da lernte er, zu trinken,
lernte prahlen, schimpfen, flirten
und für Stunden laut zu sein.
Und doch ist wohl ganz tief in ihm
ein sehr stiller Ort gewesen,
der ihm Angst und Demut vor dem Leben
und den Menschen anbefahl.
Er ist in seinen letzten Stunden
noch einmal Kind geworden.
So hat ihn die Mutter Tod gefunden
und still ins Ewige gewiegt.

© Jost Renner

Depression

Ein dunkler, stiller Engel
ist zu mir gekommen,
sein Antlitz Schattenspiel,
seine Schwingen Nacht,
und hält in seinen Händen
tausend ausgebrannte Sonnen
und abertausend Sterne,
die schon lang erloschen sind.
Er hat ein jedes Licht
vom Himmel fortgenommen,
und ich weiß nun ganz gewiß :
jede Zuversicht war Traum.

© Jost Renner

Laut

Diese Welt
ist laut geworden,
und tausend
selbsternannte Engel
tönen Regeln
goldner Götzenbilder.

Es gelten
ihnen weder Liebe noch
das Leben,
und jede Predigt ist ein
Ruf nach Blut :
es soll die Götzen nähren.

Diese Welt
ist laut geworden,
daß sie
meine Seele schmerzt,
und in
der Behauptung ist für sie
kein Sein.

Denn sie will
tausend Fragen stellen,
will zweifeln,
und allein dies gilt ihr
als Leben :
Sein als ein Widerwort
zur Welt.

© Jost Renner