Wende

Bis gestern noch
da sangen früh erwachte Vögel
ein neues Licht
in jeden morgendlichen Himmel.
Doch heute schon
da rufen in der Dämmerung die
grauen Krähen
nach dem Zwielicht und wollen,
daß es bleibe.
Heute schon da streifen Schatten
durch die Straßen
und suchen sich verborgne Winkel,
in denen sie
in kalten Zeiten schlafen werden.

© Jost Renner

Mitternacht

Dies ist die dunkle Stunde,
in der ein Schatten
sich über eine Wiege beugt
und leise spricht :
Ich habe Dich geboren : Du
wirst sein wie ich.

Dies ist die dunkle Stunde,
in der ein Schatten
seine ersten Atemzüge tut
und ganz im Stillen träumt,
er würde einmal Licht.

© Jost Renner

Seuche

Diese Welt : ein Krankenlager,
und wir darin.
Wir wälzen uns in Fieberkrämpfen
auf zerwühlten,
schweißdurchtränkten Laken, denn
uns brennen,
stechen und zerreißen Schmerzen.
Unsere Ärzte
haben wir längst fortgewiesen –
sie wüßten wohl
zu helfen, doch ihre Medizin ist
uns zu bitter.
Wir lauschen lieber Scharlatanen,
die uns Hitze,
Schröpfen, Schneiden anempfehlen.
Und träumen wir,
so sagt uns ein wirres Wahngebilde,
diese Krankheit,
die uns grausam unermüdlich quält,
die seien wir.

© Jost Renner

Vanitas

Ach, Du weinst :
auf ewig unerreicht
das Bildnis einer Göttin,
das Du schufst,
um ihm zu gleichen,
und ewig fern
die schönen Götter,
die Du doch
an Dich binden willst.

Doch tröste Dich :
es sind die wahren Götter
unscheinbar, und
ihre Schönheit liegt allein
in ihrem Wort,
das eine Welt erschafft,
die bis tief
hinein in Deine Seele reicht.

Ach, weine nicht !
Such in allen Fernen nach
dem einen
Mensch gewordnen Gott,
in dessen Tränen
sich Deine Schönheit spiegelt
und dessen Lachen
Dir ganz sanft von seiner
Liebe singt.

© Jost Renner

Pavor nocturnus

Im Traum
da war ich gestorben :
Ich lag
bewegungslos und kalt.
Mir schien,
es wäre mit dem Atem
mir alles
Schwere fortgenommen.

Ich schlief
und keuchte, schwitzte,
wälzte mich,
sog erste Sonnenstrahlen
in mich,
bis ich, schwer geworden
wie ein Stein,
in ein neues Leben sank.

© Jost Renner