Zur Lage

Der grimme Winter
ist nun doch gekommen –
es haben viele
von ihm sagen hören,
und niemand
wollt‘ es glauben.

Noch eilen Menschen
durch die kalten Straßen,
die tief in sich
ein warmes Licht bewahren,
doch das muß
recht bald verglimmen.

Allerorten wird man
Brände legen,
nur um sich zu wärmen.
Ihr Rauch zieht
dann zum Himmel hoch,
und unsere Zeit
wird finster werden.

© Jost Renner

Erlösung (V)

Der Tod (aber)
wäre keine Befreiung,
denn er
weiß mich nicht zu begehren :
er nimmt.

Die Haut (aber)
reiße ich mir vom Leib,
die ist
beschrieben mit Träumen von
Menschen –

das Fleisch (aber),
dunkler, matter werdend
durch Schorf,
geht hin zur Unsichtbarkeit –

und hänge sie
in die Zweige der Bäume.

Kommt dann (aber)
ein Wind durch die Apfelblüten,
wird sie,
ich denk‘ es, Gesang,

den Eva (wohl)
zu hören begehrt, denn
in ihm
erkennt sie sich selbst.

© Jost Renner

Verdammnis (IV)

Da ich nun
blindgelesen bin –
die Augäpfel
geschwärzt von den
Geschichten der Welt –
kommen sie,
die Töchter Evas und
Adams Söhne.
Ihre Häute, die sich
nicht schmiegen,
riechen nach Wein aus
vergorenen Äpfeln,
und all ihr Begehren
ist Taumel.
Sie fragen den Blinden
nach Wegen,
fordern Weissagung und
Rat, denn ich
bin für sie Maskottchen
und heiliger Narr.

© Jost Renner

Sündenfall (II)

Doch ich begehrte,
begehrte Evas Haut,
die leuchtete,
als seien Engel –
lichtschwer –
durch einen Himmel
gegangen,
begehrte den Apfelduft
ihres Atems,
den Klang ihrer Stimme,
wenn sie Adam
bei seinem Namen rief.

Ja, ich begehrte
und war doch nur eine
mißratene Form
aus brüchigem Lehm,
aus Erbarmen beseelt,
die selbst
die Schlange mied.
Ich begehrte,
aber Adam war schöner
als ich.

© Jost Renner

Gebot (I)

Du sollst nicht begehren,
denn
Deine Haut ist uns fremd,
ist
eine selbstvergessene Wüste,
die
einst Ruinen begrub,
die
unsere Finger und Lippen bei
einer
Berührung zu verbrennen vermag.
Doch :
wir sind Dir wohlgesonnen
und
wollen Dir Figuren senden
mit
künstlichem, schmiegsamem Fell,
wir
wollen Dir unsere Hunde bringen,
die
Deine Fremdheit nicht stört.
Doch :
Du darfst niemals begehren.

© Jost Renner

An ein Blatt

Fühltest Du
die Aussichtslosigkeit
der Lage,
Du ließest los und fielest.
Du, ein Blatt
und schon nicht mehr Blatt,
läßt Winde
Dir ein Leben gaukeln,
schmückst Dich
mit dem Reif der kalten Nacht,
als wär‘
Dein Herz nicht längst gefroren.
Und ich ?
Ich könnte selbst nicht lassen :
Wär‘ ich allein,
es wären tausend Bücher noch
zu lesen,
liebte mich niemand,
es wären tausend Küsse noch
zu träumen.
Ich will von Aussichtslosigkeit
nichts wissen.

© Jost Renner