Befreiung

Es ist Zeit,
daß Du aus dem Kreise brichst,
in den Du
Dich einst selber banntest,
daß Du auf
das Raunen nicht mehr hörst,
das Dich um
Deiner Zauber willen Tag für
Tag beschwört.
Denn Du willst im Unsichtbaren
wirken, willst
nur Wesen sein und nicht Gestalt,
willst allein
dich Jenen zeigen, die Du liebst.

© Jost Renner

Stern

Ich bin ein Stern
und keine Sonne,
denn da ist nichts,
auf das ich scheine,
und da ist nichts,
das unter meinem
Leuchten blühen mag.
Ich halte nur –
in einem ungeheuren
leeren Raum –
mein Licht der Dunkelheit
entgegen, bis ich
dann selbst erloschen bin.

© Jost Renner

Gesellschaft

Ich war ja gewarnt :
es kämen härtere Zeiten.
So suchte ich die
Gesellschaft von Steinen,
denn ich wollte ja
auf immer unbewegt bleiben.

Zu den Steinen aber
sind auch Kinder gekommen :
Sie bauten aus ihnen
Städte und tausende Welten.
So kehrte ich wieder
in das Leben zurück und lernte,
im Sturme zu spielen.

© Jost Renner

Amour fou

Ich falle
tief hinein in mich
und schließe
viele tausend Lider,
bis alles
um mich finster ist.
Und dort,
wo es kein Begehren
und auch
keine Hoffnung gibt,
da träum‘ ich
Dich als eine Sonne.
Erwache ich,
so trag‘ ich Blüten
und jedes Wort
wird reife Frucht.

© Jost Renner

Blätter

Wenn der Wind kommt,
so werden wir
wispern, wispern diesen
heiligen Traum :
einmal nur ein Vogel
zu sein
und dem Himmel entgegen
zu fliegen.
Dort wollen wir singen,
und unser Lied
besänge freudig das Leben.

Kommt der Wind wieder,
so müssen wir
fallen, fallen der Erde
entgegen, als
hätte der Wind den Traum
niemals gehört
oder dürfte sich unser nicht
einmal erbarmen.
Dort aber bleibt uns nichts
als ein Rascheln :
und dieses Lied ist der Tod.

© Jost Renner

Pflanztip

Nicht vorschnell
schreib nieder das Wort :
erst muß es
reifen im Schweigen und
sich nähren
von Herzblut und Welt,
muß Wurzeln
ausbilden im Dunkeln.
Denn nur dann
kann es sich behaupten
in all den
Stürmen der Zeit und
kann blühen.

© Jost Renner