Zweifelung

Bitter

Ich will nicht bitter erscheinen
und so schweige ich.
In all meinen Träumen aber
ist die Welt ein Tier,
das Löcher in die Herzen frisst,
und ich schmecke
die Bitternis nächtlicher Tränen.

© Jost Renner

Neumondnacht

Und er schaut hinauf
zum nachtschwarzen Himmel :
der Mond scheint zerschlagen
in tausende Scherben.
Es ist wohl dies die Zeit,
in der er sich rettungslos sehnt.
Und auf seinen Wangen wandern
die glänzenden Sterne.

© Jost Renner

Zwei Fragen

Wie lange schon
hatte der Dichter
geheime Wege
zwischen die Zeilen
seiner Gedichte
geschrieben, bevor
er dann eines Tages
verschwand ?

Und waren vielleicht
nicht all seine
schönen Worte nur
geschickte Tarnung
für seine Sehnsucht
nach Stille ?

© Jost Renner

Denk nicht an mich

Denk nicht an mich,
denn es wäre,
als schärftest Du
jedes Wort, jedes Tun
zu einer stählernen Klinge,
die mich doch nicht
zu töten vermag.
Und sehnte ich mich auch
nach einem Messer,
um in mir zu wühlen –
meine Wunde muß heilen.
So : denk nicht an mich –
nicht mal im Traum !

© Jost Renner

Es war einmal …

Es war einmal –
das heißt : alle Märchen
sind zuende erzählt.
Durch den Wald laufen
Menschen, die im
Mondlicht Kiesel sammeln,
vor Heckenrosen patroullieren
bewaffnete Wachen,
der Jäger wildert Wölfe aus.
All die glücklichen Enden
sind immer gelogen.

© Jost Renner

Nach der Belagerung

Das Herz der Stadt,
eine Kathedrale,
in Trümmer geschossen.
Der helle Lobgesang
ist nur noch bitterer Rauch.
Man trägt die Steine
zur Mauer, um mit ihnen
die Breschen zu füllen.
In den Gassen aber wüten
Hunger und Pest.
Es herrscht wieder Frieden.

© Jost Renner

Begründet

Ich ging fort von der, die ich liebe,
und sie weiß nicht, warum.

Als ich bei der war, die ich liebe,
bin ich stiller und stiller geworden,
und sie wußte nicht, warum.

Als ich mit der war, die ich liebe,
begann ich, zu weinen,
und sie wußte nicht, warum.

Ich bleibe fort von der, die ich liebte,
denn sie weiß nicht, warum.

© Jost Renner

Wintersonne

Noch immer scheinst Du mir –
doch nur als ferne Wintersonne,
die, einer kalten Göttin gleich,
mit ihrer bleichen Glut den Himmel
zu blauem Eis erstarren läßt
und jeden Baum zu einem düstren
Schatten seiner selbst verwandelt.
Und ich, ich sehne mich nach
dunkler Sommernacht und Wärme.

© Jost Renner

Beute

Es fraß in mein Herz
sich Dein Wort,
als wäre es ein hungriges Tier
in kältestem Winter.
Wohl schlägt es noch
zäh und beständig,
doch es ist kleiner geworden,
von schmerzenden Narben entstellt
und mag als Gabe
vielleicht nie mehr genügen.

© Jost Renner