Zweifelung

Wider den Augenschein

Zum Film „Der Pannwitzblick“ (1991)

Sieh mich nicht an,
denn Deine Blicke
wissen nicht, zu sagen :
Du bist doch schön.

Schließ Deine Augen,
denn sie sind
zu Richtern geworden,
die Urteile sprechen.

Ich will unsichtbar sein,
und nur Gedichte
sollen Dir sagen, wer ich
in Wirklichkeit bin.

© Jost Renner

Inferno

Dieser Sommer ist ein großer Brand,
der den Himmel in weißer Glut zerfließen läßt,
der dunkle Schatten in die Steine sengt.
Und nichts bewegt sich.

Selbst in den Nächten lodert eine schwarze Sonne,
die die Träume und den Schlaf zerfrißt.
Und Du liegst regungslos und zählst die Stunden
bis zum fernen Tag.

© Jost Renner

Nachtmahr

Ich wünschte mir, ich dürfte sagen,
daß die Nächte freundlich wären.
Doch sie sind es nicht.
Die Dunkelheit zieht durch die Stadt,
klaubt wahllos Menschen von den Straßen
um sie dann zu fressen.
Und die, die sich noch retten konnten,
stürzen blind in kalte Lieben,
die sie verbrennen wie ein wilder Schmerz,
und sind bei Tageslicht allein.
Schliefe ich, so kämen bald die Träume und
rissen mir die Haut vom Leib.
So bewache ich Nacht für Nacht die Stille,
als bewachte ich ein Grab,
und säe Tränen, aus denen einmal Worte wachsen.

© Jost Renner

Posttraumatisch

Unvorstellbar
die eigene Unversehrtheit,
da ich die Welt
mit Stümpfen halte statt
in meinen Händen,
immer in Furcht, sie könnte
einmal entgleiten,
da ich jedes Wort bedachtsam
zusammensetze aus
einem Alphabet, das der Schmerz
mich einst lehrte.
Unvorstellbar, ich könnte je
ein anderer sein.

© Jost Renner