Zweifelung

Herbst-Melancholie

Ich bin einst
mit dem Herbst gekommen,
war ein Kind
der ersten, stillen Nebel.
Mich lehrten
Krähen ihre dunklen Lieder,
und ich weiß
sie immer noch zu singen.
Ich finde
selbst in allen hellen Tagen
noch einen
Flecken tiefster Dunkelheit
und spüre
in Sommerwinden diesen einen
kalten Hauch.
Noch seh‘ ich
tausend bunte Blätter wirbeln
und weiß doch,
der Herbst wird mich wohl mit
sich nehmen,
wenn er dann eines Tages geht.

© Jost Renner

Evolution

Als wir
Häuser bauten und
Straßen,
bedachten wir nicht,
daß Stein
sich nähren würde
vom Regen
und unseren Tränen;

sahen nicht,
daß er Wälder und
Wiesen
zerfleischen müßte
und den
Himmel tödlich verwunden,
bis nichts
Heiliges mehr bliebe.

Da ist
niemand gewesen, der
weissagte,
wir müßten Schluchten
durchwandern,
den zu finden, der unser
zu Stein
gewordenes Herz endlich erlöst.

© Jost Renner

Wider den Augenschein

Zum Film „Der Pannwitzblick“ (1991)

Sieh mich nicht an,
denn Deine Blicke
wissen nicht, zu sagen :
Du bist doch schön.

Schließ Deine Augen,
denn sie sind
zu Richtern geworden,
die Urteile sprechen.

Ich will unsichtbar sein,
und nur Gedichte
sollen Dir sagen, wer ich
in Wirklichkeit bin.

© Jost Renner

Inferno

Dieser Sommer ist ein großer Brand,
der den Himmel in weißer Glut zerfließen läßt,
der dunkle Schatten in die Steine sengt.
Und nichts bewegt sich.

Selbst in den Nächten lodert eine schwarze Sonne,
die die Träume und den Schlaf zerfrißt.
Und Du liegst regungslos und zählst die Stunden
bis zum fernen Tag.

© Jost Renner

Nachtmahr

Ich wünschte mir, ich dürfte sagen,
daß die Nächte freundlich wären.
Doch sie sind es nicht.
Die Dunkelheit zieht durch die Stadt,
klaubt wahllos Menschen von den Straßen
um sie dann zu fressen.
Und die, die sich noch retten konnten,
stürzen blind in kalte Lieben,
die sie verbrennen wie ein wilder Schmerz,
und sind bei Tageslicht allein.
Schliefe ich, so kämen bald die Träume und
rissen mir die Haut vom Leib.
So bewache ich Nacht für Nacht die Stille,
als bewachte ich ein Grab,
und säe Tränen, aus denen einmal Worte wachsen.

© Jost Renner