Zeitig

Vorfrühling

Noch ist mir das Kleid
aus grauem
Himmelsstoff zu schwer,
noch gefriert
beim Reden jedes Wort,
und alles
Lächeln scheint ein Traum.
Doch die Winde
haben längst begonnen,
ein leichtes,
blaues Tuch zu weben,
das mich
behaglich wärmen wird.
Und ich weiß,
ich will mich regen – bald.

© Jost Renner

Februar

Der Himmel ist Rauch,
als brennte
die Stille der Tage
die Seele aus.
Werden nicht bald schon
Funken fallen
auf gefrorenen Boden
und dort dann
beginnen, zu blühen ?

© Jost Renner

Jahreswechsel

Es schneit in mir
auf lang verwaiste Orte,
auf allzu viele Gräber,
und es ist still geworden.

Geh ich jetzt voran,
so trag ich weißes Haar
und in meinen klammen Händen
eine welke, dunkle Rose.

© Jost Renner

Im Spätherbst

Schau ich zu den Bäumen hin,
so sind ihre kahlen Äste
dunkle Risse in einem
trüben Himmel, der wie Glas
gesprungen scheint.

Unter ihnen eilen Schatten,
schweigend, rastlos,
als müßten sie im Zwielicht
schon bald verlorengehen.

Schau ich zu den Bäumen hin,
so sehe ich den Winter kommen
und weiß, ich werde frieren.

© Jost Renner

Geburtstag

Nun reden die Jahre :
Wir sind abertausend Sonnen gewesen
und nicht weniger Nächte.
Wir haben Linderung gebracht
für den Schmerz, der wir waren.
Wir sind Lärm und Schweigen gewesen
und sind fortan Dein Wort.
Die Minuten aber drängen zum Aufbruch :
So sprich nun Du Deinen Segen !

© Jost Renner

Herbstlicht

Der Tag ist ein Bettler,
alt und verhärmt,
und sammelt als Almosen Licht.
Zögerlich läßt er es leuchten,
immer in Angst,
ungestüme Abendwinde kämen
und trügen es mitleidlos fort.

© Jost Renner

Sommertage

Jetzt ist die Zeit, da die Tage
aus sich heraus leuchten,
als schlügen in ihnen Herzen,
die zu lieben vermöchten.

Jetzt ist die Zeit, da die Tage
Dir Geborgenheit schenken,
als ahntest Du nicht, daß bald
die Wespen wilder fliegen.

© Jost Renner

Nenn mich : April

Ich bin ein Kind doch nur
das nicht weiß ,
zu wem es wohl gehört :
zum strengen Vater,
der ihm so kalt und ernst,
so still erscheint ?
Zur unbeschwerten Mutter,
in deren Augen
die Sonne unbefangen spielt ?
Ich bin ein Kind
und tanze weinend auf den Wegen.
Nenn mich : April.

© Jost Renner

Fürsorglichkeit

Die Tage bauen
aus den Stunden ein Haus
und beherbergen mich
als ihren willkommenen Gast.

Sie schälen geduldig
das Korn der Minuten
und nähren mich so,
damit ich nicht hungre.

Die Tage kleiden mich
in wärmende Stoffe aus
dicht gewebten Sekunden,
sodaß ich nicht friere.

Ich, der ich mich
ihnen dankbar erweisen will,
gebe den Tagen mein Wort.
Und das ist wenig genug.

© Jost Renner