Zeitig

Wende

Bis gestern noch
da sangen früh erwachte Vögel
ein neues Licht
in jeden morgendlichen Himmel.
Doch heute schon
da rufen in der Dämmerung die
grauen Krähen
nach dem Zwielicht und wollen,
daß es bleibe.
Heute schon da streifen Schatten
durch die Straßen
und suchen sich verborgne Winkel,
in denen sie
in kalten Zeiten schlafen werden.

© Jost Renner

Im Februar

Wir sind
in diesen Zeiten nicht mehr als
die Schatten
unserer selbst und wagen es doch,
am aschfahlen
Himmel nach einem Funken der Gnade
zu suchen,
wagen diese eine Hoffnung, daß sie,
die wir
insgeheim unsere Königin nennen,
sich gewandet
in seidenes Licht und bald vor uns
treten und
sagen wird :“Ihr, meine Kinder !“.

© Jost Renner

Wache halten

Und ist mir auch bewußt,
daß Nacht
und Tod gleich unvermeidlich sind,
fürchte ich mich
doch vor jeder Art der Finsternis
und halte Wacht.
In Büchern, die ich in den stillen
dunklen Stunden
lese, bewahrt sich mir die Welt,
und schreibe ich,
dann weiß ich sicher, daß ich noch
nicht verloren ging.

© Jost Renner

Lichtverhältnisse

Ich fürchte sehr die Tage
mit ihrem
selbstverständlichen Licht,
die doch
von mir fordern, daß ich
wisse, zu
reden, zu lieben, zu sein.

Gütiger scheint mir die Nacht
mit ihrem
Dunkel aus Fragen, aus Zweifeln,
aus Angst,
das mich treibt, daß ich in mir
das eine, ganz
eigene Licht zu suchen beginne.

© Jost Renner

Septemberkind

Ich bin auf diese Welt
gekommen,
da zogen erste kalte Winde
über’s Land,
da sangen Regentropfen mir
ein Wiegenlied,
da stand ein Mond ganz sehnsuchtsleer
am Himmel,
da sprachen Blätter leise schon
vom Tod.
Ich bin als ein Septemberkind
geboren,
das nun schon viele Winter
überstand.

© Jost Renner