Weltenferne

Paradise lost

Ich durchstreifte die Welt
und bin dort
einem düsteren Engel begegnet,
der war
in das Fell eines Löwen gehüllt
und ging fort.

Ich fand enen Garten und darin
einen Baum,
dem waren die Blätter abhanden
gekommen.
Die lagen nun auf schwarz-modernder
Frucht und
haben selbst zu faulen begonnen.

Ich sah das Skelett eines Lammes.
Die Rippen
wölbten sich als ein Grabmal für
die Haut
einer längt verschwundenen Schlange.

Ich durchstreifte die Welt
und bin dort
einer sonderbar schweigsamen Frau
begegnet :
Nur die Augen haben gesprochen von
der tiefen
Trauer um ihren erschlagenen Sohn.

© Jost Renner

Depression

Ein dunkler, stiller Engel
ist zu mir gekommen,
sein Antlitz Schattenspiel,
seine Schwingen Nacht,
und hält in seinen Händen
tausend ausgebrannte Sonnen
und abertausend Sterne,
die schon lang erloschen sind.
Er hat ein jedes Licht
vom Himmel fortgenommen,
und ich weiß nun ganz gewiß :
jede Zuversicht war Traum.

© Jost Renner

Zahnheilkunde

Über die Zähne
mag ich nicht reden –
oder doch nur widerwillig.
Sie sind –
im geöffneten Mund –
ein Zeichen des Scheiterns.
All das Ungesagte
(Liebesworte, süß) hat sich
in Säure gewandelt
und zu den Nerven gefressen.
Und an der Welt
(granitener Fels) hab ich
sie mir ausgebissen.
Der Zahnarzt wird sagen
(tröstend),
es gebe Ersatz und ich sei
an das Ersetzen
schon immer gewöhnt.

© Jost Renner

Erlösung (V)

Der Tod (aber)
wäre keine Befreiung,
denn er
weiß mich nicht zu begehren :
er nimmt.

Die Haut (aber)
reiße ich mir vom Leib,
die ist
beschrieben mit Träumen von
Menschen –

das Fleisch (aber),
dunkler, matter werdend
durch Schorf,
geht hin zur Unsichtbarkeit –

und hänge sie
in die Zweige der Bäume.

Kommt dann (aber)
ein Wind durch die Apfelblüten,
wird sie,
ich denk‘ es, Gesang,

den Eva (wohl)
zu hören begehrt, denn
in ihm
erkennt sie sich selbst.

© Jost Renner

Verdammnis (IV)

Da ich nun
blindgelesen bin –
die Augäpfel
geschwärzt von den
Geschichten der Welt –
kommen sie,
die Töchter Evas und
Adams Söhne.
Ihre Häute, die sich
nicht schmiegen,
riechen nach Wein aus
vergorenen Äpfeln,
und all ihr Begehren
ist Taumel.
Sie fragen den Blinden
nach Wegen,
fordern Weissagung und
Rat, denn ich
bin für sie Maskottchen
und heiliger Narr.

© Jost Renner

Sündenfall (II)

Doch ich begehrte,
begehrte Evas Haut,
die leuchtete,
als seien Engel –
lichtschwer –
durch einen Himmel
gegangen,
begehrte den Apfelduft
ihres Atems,
den Klang ihrer Stimme,
wenn sie Adam
bei seinem Namen rief.

Ja, ich begehrte
und war doch nur eine
mißratene Form
aus brüchigem Lehm,
aus Erbarmen beseelt,
die selbst
die Schlange mied.
Ich begehrte,
aber Adam war schöner
als ich.

© Jost Renner