Verschreibungen

April-Gedicht

Ich habe geschrieben,
und die Worte wollten scheinen.
Dann widerrief ich sie,
denn es fehlten ihnen Schatten,
um eine Welt zu sein.
Die neuen Worte waren dunkler,
und sie stellten Fragen,
auf die ich keine Antwort weiß.
Was dann noch blieb,
das war, mich selbst zu widerrufen –
dann erst waren sie Gedicht.

© Jost Renner

Wagnis

Angesichts des Himmels sind Worte
immer ein Wagnis,
denn niemals könnten sie die Sonne,
die Sterne berühren.
Einer der schreibt, muß den Winden
vertrauen, die
das Wort auf fruchtbaren Boden zu
tragen vermögen,
wo es im Verborgenen keimen darf,
bis einmal einer
es wagt, sich zum Himmel zu denken.

© Jost Renner

Unlesbarkeit

Es hat Spuren gegeben,
gewiß.
Doch so lang schon
sind Stürme gezogen.

Es hat Bilder gegeben,
gewiß.
Doch Dunkelheit fiel
und ist dann geblieben.

Die Welt lesen wollen,
das heißt,
eine Geschichte erzählen,
die ich mir glauben kann.

© Jost Renner

Museal

Es ist nicht mehr wichtig,
auf Antwort zu warten,
und dies Wort oder jenes,
das ich niemandem sage,
droht, verlorenzugehen.
Es bleibt, sie zu schreiben :
nur so wird das Schweigen
ein ihnen würdiger Rahmen.
Und will niemand sie lesen,
dann durchstreif‘ ich allein
mein Museum der Sprache.

© Jost Renner