Verschreibungen

Demiurg

Man hat mir
eine Zeit gegeben,
als wäre sie
ein Blatt Papier,
in dessen
eng gezognen Rändern
sich – weißen
Fasern gleich – aus
Tag und Stunden
ein undeutbares Muster
formt.
Und all mein Leben
dient dazu,
mich in diese Zeit
zu schreiben :
jeden Tag und jede
Stunde
mit Zeichen zu versehn,
bis sich
eine Ordnung findet und
meine Welt ensteht.

© Jost Renner

Mut

Du hast
Wort um Wort gewählt
aus den vielen
und andre verworfen.
Du hast
Satz um Satz geschrieben
und dafür
die andren verschwiegen.
Du wirst
dies nicht mutig nennen,
nur ich :
Am Ende aller Gedichte wird
Dein Tod
aus allem Ungeschriebenen
lesen,
und es mag sein, all dies
ist dann
schöner und wichtiger als
alles,
was Du je einmal schriebst.

© Jost Renner

Poetische Sendung

Da nun aber
die Gesänge der Vögel
Dir nur als
eitle Monologe erscheinen,
da sich nun
aller Aufruhr gelegt hat
zu den ersten
welken Blüten, die fielen,
da willst Du noch
immer vom Frühling schreiben
und weiter schüren
die Sehnsucht nach Aufbruch ?
Aber ja, denn :
man gewöhnt sich zu leicht
und nimmt hin.

© Jost Renner

Hecken

Laßt uns
Hecken pflanzen in’s ebene Land.
Sie sollen
wurzeln in treibendem Sand.
und mit
der Zeit ihre Netze knüpfen aus
dichtem Gezweig,
um alle Unbill des Himmels
zu fangen.

Laßt uns
aber auch Gedichte schreiben in diese
unstete Zeit,
denn sie – als seien sie Hecken – brechen
den Sturm.

© Jost Renner

Formationsflug

Du fragst,
wo die Wörter wohnen.
Nicht in mir.
Sie nisten tief im Dickicht
der Welt,
verbergen sich im Blattwerk
der Stunden.
Sie fliegen hoch hinauf in
den Himmel
und wissen, den dunklen Leben
zu folgen,
als seien es mäandernde Flüsse.
Sie stürzen
hinab in Strudel, in Herzen
und fangen
glückssilbernen Fische, nähren
sich von Blut,
das stetig und schwer allem
Unglück entströmt.
Ich warte auf sie, denn ich
vermag es, sie
durch mein Schweigen zu zähmen,
bis sie dann –
meiner müde geworden – auffliegen
in einer
geordneten Schar und lesbar werden
am Himmel.

© Jost Renner