Verinnerung

Wintervorrat

Höre aufmerksam zu,
denn :
alle Geschichten sind Wälder.
Oder
lies Dich ins Dickicht und
sammle
die Wörter, die liegen wie
Reisig.
Und wenn es kalt wird um Dich,
wenn
die Wege zu Dir unpassierbar sein
werden,
wird Deine Erinnerung eine Sprache
haben,
um sich Dir zu erzählen.

© Jost Renner

Reminiszenz

Die wunde Haut aus Kindertagen
ist hart geworden und vernarbt.
Die hellen Taschenlampen-Lagerfeuer,
die einst in meiner Seele brannten,
sind seit langem schon erloschen.
Und doch : wenn ich die liebsten Bücher
meiner Kindheit wieder lese, so ist’s,
als sähe ich am dunklen Daunenhimmel
einen Ballon ins Unbekannte fahren.

© Jost Renner

Kinderspiel

Cowboy und Indianer spielten wir
in jenen
fernen Sommern der Kindheit.
Kein Wind
hat damals geweht, und auf
die Prärien
der Straße brannte die Sonne.
Unsere Waffen
sind gekrümmte Stöcke gewesen
geladen mit
tödlichen Geschossen aus Luft.
Ob ich aber
einer der Guten gewesen bin oder
der Böse :
gestorben bin immer nur ich.
Und dann
nach unserm allerletzten Spiel bin ich
fürs Erste
noch einmal lebendig geworden.

© Jost Renner

Im Inneren des Wagens

Ein Requiem

Vielleicht bin ich
der Einzige geblieben,
der sich je fragte,
wie jene Oktobernacht
den weißen Lack des
Wagens dunkel schattete.

Tragödie – Das Unausweichliche
geschah im Inneren des Wagens
nach unendlichen Jahren des Zorns,
und wir haben bald Formen gefunden,
das Nichtvermiedene wieder und wieder
zu erzählen – in Formeln, die doch
zuletzt immer unbegreiflich blieben.

Wie mag es gewesen sein
im Inneren des Wagens, der
bei laufendem Motor nicht fuhr,
als der deutlich sichtbare Weg
in giftig – süßem Nebel verschwamm ?
Ersetzten Träume den Atem ?

Und ich, der Enterbte, trage mit
mir das mir zugedachte Erbe,
ich, der ich Dich niemals zu Grabe trug,
schaufle Jahr um Jahr tiefe Gräber.
Ich habe anzureden gelernt gegen ein
Nein, das man auf einem Zettel fand,
vor vielen Jahren im Innern des Wagens,
und balanciere Leben auf schwankendem Grund.

© Jost Renner

Kindheitserinnerung

Damals schon sah ich den Tod
vor einem unentschiedenen Himmel,
der schon und noch nicht Dämmerung war
an jenen Sonntagnachmittagen :
ein dunkles, kleines Kuttenbündel,
das sich – links oben – ins Fenster krallte
und in die Winkel der abgewandten Augen.
Schon damals sah ich den Tod
und wagte kaum, mich zu rühren
an diesen Sonntagnachmittagen,
während in Vaters Zimmer Schuberts
Sinfonie sich niemals vollenden wollte.
Ich bin gerade neun gewesen. Damals.

© Jost Renner