unvertraut

Wahrscheinliche Zukunft

Eines Tages werde ich wohl
das Haus, das ich mir
aus meiner Sprache erbaute,
um eine Heimat zu finden,
in aller Stille verlassen.
Ein letzter vertrauter Gedanke
bliebe zurück, sorgsam
abgelegt an gut sichtbarem Ort,
als wäre er ein Schlüssel,
den ich nicht mehr brauchte.
Und meine Worte wären –
ein ungeschriebener Brief auf
einem weißen Blatt Papier –
zu flüchtigen Schatten geworden.

© Jost Renner

Noch

Immer stärker befürchte ich,
ich könnte meine Sprache verlieren,
sodaß mir die vertraute Welt
in unbegreiflichem Dunkel versänke.
Denn der eigentliche Schmerz
ist ein wortlos wütendes Heulen,
das gierig den Himmel zerfrisst
und die mir zugestandene Zeit.
Noch aber greife ich unbeirrt
nach jedem nur denkbaren Wort
und schlage es in die Wirklichkeit,
damit es der Finsternis wehre.

© Jost Renner

Hinaus !

Ins Außen nun – geh hinaus
aus dem Kreuzgang Deines Herzens,
in dem Deine Schritte wie Schläge hallen.
Hinaus ins unvertraute lichte Land,
in dem tausend fremde Stimmen flirren
und Dich doch nur selten meinen.
Geh hinaus ins Außen nun und
suche Dir ein freundlich lächelndes Gesicht
und Antwort, die Dir stille Heimat ist.
Ins Außen nun – und doch bist Du gefangen
von einem traurig – bösen Gott,
der jede Freude mitleidslos bestraft
und Dir auch die kleinste Hoffnung nimmt.

© Jost Renner