unvertraut

Befreiung

Es ist Zeit,
daß Du aus dem Kreise brichst,
in den Du
Dich einst selber banntest,
daß Du auf
das Raunen nicht mehr hörst,
das Dich um
Deiner Zauber willen Tag für
Tag beschwört.
Denn Du willst im Unsichtbaren
wirken, willst
nur Wesen sein und nicht Gestalt,
willst allein
dich Jenen zeigen, die Du liebst.

© Jost Renner

Pavor nocturnus

Im Traum
da war ich gestorben :
Ich lag
bewegungslos und kalt.
Mir schien,
es wäre mit dem Atem
mir alles
Schwere fortgenommen.

Ich schlief
und keuchte, schwitzte,
wälzte mich,
sog erste Sonnenstrahlen
in mich,
bis ich, schwer geworden
wie ein Stein,
in ein neues Leben sank.

© Jost Renner

Schnitte

Zerschnitten von Gräben,
zerklüftet,
die weichgezeichnete Landschaft,
denn die schwarzen Wasser
der Träume sollen quellen,
bevor sie
in Richtung des Herzens fließen
und sein Schlagen ertränken.
Über der Landschaft ein Nebel,
blutigrot
wie ein immerwährender Schmerz.

© Jost Renner

Sprachkurs

Ich lernte die Sprache derer,
die mir unentwegt sagten,
daß ich anders sei als sie,
denn ich lebte in ihrem Land.
Ich fand in einem Lehrbuch
Vokabeln der Sehnsucht,
eine Grammatik der Hoffnung
und die Konjugation von Liebe,
die sich in nichts unterschieden
von der vertrauten inneren Sprache.
Und ich schrieb wieder und wieder,
daß wir einander doch glichen –
und niemand hat es verstanden.
Als ich aber sagte : „Ich bin anders.“,
ist alles ganz einfach geworden.

© Jost Renner

Keller

In den Kellern
singen keine Nachtigallen.
Das Licht ist
nur spärlich bemessen.
Das Ungewollte
verrottet in Holzverschlägen.
Meine Sprache
ist mit Blindheit geschlagen
und taumelt
hinein in wortloses Weinen.

© Jost Renner

Fernreise

Wir wollen feiern Nacht um Nacht,
das Übermächtige –
ein gewaltiger Ozean vielleicht,
ein unendlicher Himmel –
in unbedeutende Nischen gedrängt,
um es ertragen zu können.
Wollten wir doch nur schweigen,
wir lernten stille Demut
und erkennten auf einmal uns selbst.

© Jost Renner