Oxidationen

Trost

Am Tage
kamen all meine Freunde
und wollten,
daß ich sie tröste.
Ich sagte,
es gebe keinen Grund,
sich zu sorgen
und ich
wäre bald wieder gesund.

Des Nachts
kam mein Tod, setzte
sich zu mir
und nahm die Einsamkeit
von mir.
Wir schwiegen, und jede
endlos sich
dehnende Stunde war mir
ein Trost.

© Jost Renner

Wendepunkt

Nun kommt bald einmal der Tag,
da stehen wir
am Grab derer, die wir Vater,
Mutter nannten,
und wissen nicht, sollen wir
nun dankbar sein
oder müssen, können wir vergeben ?
Denn sie lehrten
uns ein Letztes : daß wir sterben.
Wir finden uns
entkleidet aller Göttlichkeit und
sind Mensch geworden.
Wir wissen nun, zu lieben und daß
jede Liebe
auch immer tiefen Schmerz bedeutet.

© Jost Renner

Perspektiven

Es ist schon
so viel Tod in mir,
und so viele
Tage schlugen Wunden,
daß wohl jede
Zukunft nur Behauptung ist.

Und doch :
ich finde in mir immer noch
auch so viel Leben
mit dem mich meine Tage
bislang nährten,
daß ich die Zukunft als ein
Versprechen seh.

© Jost Renner

Abendlicht

Nun sinkt die Sonne nieder,
und ihr Licht
gleicht süßem, schweren Wein.
Dein Blick ist
milde und will die ganze Welt
umfassen,
die sich doch in tiefen Schatten
schon verliert.
Im Verborgenen formieren sich
die Sterne
zu einem Bild, das Du nicht
deuten kannst,
und ein Wind beginnt, zu wispern :
Du, schlaf ein !

© Jost Renner

Weißt Du noch ?

Weißt Du noch ?

Alle weißen Wolken waren Pferde,
die am Himmel grasten,
die mit einem Male ganz ungestüm
hin zur Sonne jagten.

Und dann und wann ein offnes Grab,
das man Dir verschwieg.

Du begannst, zu tanzen, und warst
Blatt und Sturm zugleich :
in Dir war ein allzu früher Herbst,
der dunkle Träume sandte

dann und wann von Deinem offnen Grab,
in dem Du Frieden fändest.

Weißt Du’s noch ?

Du hast Dich mit der Welt versöhnt :
Du lachtest, liebtest und Du
wußtest auch, vom Schmerz zu lernen,
denn dies war Dein Leben.

Und dann und wann ein offnes Grab,
vor dem Du traurig standst.

Nun, da Du entlang der Gräber wandelst,
da erinnerst Du Dich wieder,
und dies alles, Dich, willst Du bewahren
und weißt doch, da ist

dann – nur wann ? – ein offnes Grab,
in dem Du wie alles endest.

© Jost Renner

Rückschau

Dies war mein Jahr :

ein Himmel, den ich gnädig nenne,
und der doch vielleicht
nur groß und ungerührt gewesen ist;
es gab den Tod, den ich
nur aus den Augenwinkeln sah und der –
wohl mir zur Mahnung –
mir vertraute Menschen mit sich nahm;
da waren Schmerzen, an
die ich mich nach und nach gewöhnte;
da waren tausend Worte,
die ich geschrieben hab‘ und sagte,
und noch so viele mehr,
die ich ganz still in mir vergrub;
da gab es Menschen, die
mich durch das Jahr begleitet haben,
und andere, die meinten,
es sei besser für sie, wenn sie gingen.

Dies war mein Jahr,
das in sich schon ein neues trägt –
und niemand weiß,
ob ich dieses dann vollenden darf.

© Jost Renner

Ein Abschied

Für D.

War es denn wirklich Zeit ?
Ich weiß,
die Kraniche sammelten sich
schon zur Reise
und sangen ihre Abschiedslieder,
und erster Nebel
sank auf feuchte Wiesen nieder.
Da bist Du
ganz still fortgegangen, als
wolltest Du
den lichten Süden suchen in der
Unendlichkeit.

© Jost Renner

Begrenzter Zauber

Für E.

Sie wird Dir fehlen.
Schon bald.
Dies schreibst Du
nicht ihr,
denn läse sie
jedes Wort,
es nähme zu viel
von der
ihr noch bleibenden
Zeit.

Wären Deine Worte
nur Tage,
Deine Zeilen Jahre,
Du schriebest
und schriebest, damit
sie sie
zu den ihren zählte,
bis sie
alt geworden wäre und
grau.

Sie wird Dir fehlen.
Sehr bald.
Dies schreibst Du
nur Dir
und beschwörst so
noch einmal
ihr Bild, damit es Dir
bleibe.

© Jost Renner

Vor dem Einschlafen

Endlich, da ich
müde war,
kam ich zum Ufer
eines Flusses.
Der trug
sehr schwer an
seiner Dunkelheit
und hat
auch dem Himmel
all sein
Licht gestohlen.
Wird er
meine Seele hin zu
den Träumen
tragen
oder wird er mich
zu einem
Orte bringen, an dem
niemand ist,
niemand jemals war ?
Als er mich
dann endlich mit sich
trägt, da
schließe ich die
müden Lider
und halte meinen
Atem an.

© Jost Renner