Oxidationen

An ein Blatt

Fühltest Du
die Aussichtslosigkeit
der Lage,
Du ließest los und fielest.
Du, ein Blatt
und schon nicht mehr Blatt,
läßt Winde
Dir ein Leben gaukeln,
schmückst Dich
mit dem Reif der kalten Nacht,
als wär‘
Dein Herz nicht längst gefroren.
Und ich ?
Ich könnte selbst nicht lassen :
Wär‘ ich allein,
es wären tausend Bücher noch
zu lesen,
liebte mich niemand,
es wären tausend Küsse noch
zu träumen.
Ich will von Aussichtslosigkeit
nichts wissen.

© Jost Renner

Wiegenlied

Für J.

Dein Schmerz hat aufgehört,
und Du bist eingeschlafen.
Da ist zu dir ein großer,
sanfter Traum gekommen und
trug Dich leise mit sich fort :
Von nun an wird ein Himmel
Dich bedecken, gewebt aus
tiefer, dunkelblauer Ewigkeit,
damit Du still behütet seist.
So schlafe, denn unser Weinen
soll ein Wiegenlied Dir sein.

© Jost Renner

Ein Wind

Die Zeit ist ein Wind.
Sie weht
in jedes Herz hinein
und sie
schürt die rote Glut,
bis aus
ihr Flammen schlagen.

Die Zeit ist ein Wind.
Sie trägt
geduldig graue Asche
über eine
ganz stillgewordne Welt.

Und wir ?
Wir lebten in ihr, um zu
brennen !

© Jost Renner

Trost

Am Tage
kamen all meine Freunde
und wollten,
daß ich sie tröste.
Ich sagte,
es gebe keinen Grund,
sich zu sorgen
und ich
wäre bald wieder gesund.

Des Nachts
kam mein Tod, setzte
sich zu mir
und nahm die Einsamkeit
von mir.
Wir schwiegen, und jede
endlos sich
dehnende Stunde war mir
ein Trost.

© Jost Renner

Wendepunkt

Nun kommt bald einmal der Tag,
da stehen wir
am Grab derer, die wir Vater,
Mutter nannten,
und wissen nicht, sollen wir
nun dankbar sein
oder müssen, können wir vergeben ?
Denn sie lehrten
uns ein Letztes : daß wir sterben.
Wir finden uns
entkleidet aller Göttlichkeit und
sind Mensch geworden.
Wir wissen nun, zu lieben und daß
jede Liebe
auch immer tiefen Schmerz bedeutet.

© Jost Renner

Perspektiven

Es ist schon
so viel Tod in mir,
und so viele
Tage schlugen Wunden,
daß wohl jede
Zukunft nur Behauptung ist.

Und doch :
ich finde in mir immer noch
auch so viel Leben
mit dem mich meine Tage
bislang nährten,
daß ich die Zukunft als ein
Versprechen seh.

© Jost Renner

Abendlicht

Nun sinkt die Sonne nieder,
und ihr Licht
gleicht süßem, schweren Wein.
Dein Blick ist
milde und will die ganze Welt
umfassen,
die sich doch in tiefen Schatten
schon verliert.
Im Verborgenen formieren sich
die Sterne
zu einem Bild, das Du nicht
deuten kannst,
und ein Wind beginnt, zu wispern :
Du, schlaf ein !

© Jost Renner