Oxidationen

Blätter

Wenn der Wind kommt,
so werden wir
wispern, wispern diesen
heiligen Traum :
einmal nur ein Vogel
zu sein
und dem Himmel entgegen
zu fliegen.
Dort wollen wir singen,
und unser Lied
besänge freudig das Leben.

Kommt der Wind wieder,
so müssen wir
fallen, fallen der Erde
entgegen, als
hätte der Wind den Traum
niemals gehört
oder dürfte sich unser nicht
einmal erbarmen.
Dort aber bleibt uns nichts
als ein Rascheln :
und dieses Lied ist der Tod.

© Jost Renner

Ein Engel

In memoriam S.

Ein Engel
ist zu Dir gekommen;
Du hast ihn kaum bemerkt,
denn Deine Welt,
sie wirbelte im Kreise,
und Du hattest
auf einmal große Mühe, Dich
in ihr zu halten.

Ein Engel
ließ die Erde stille stehen,
und Du legtest Dich
in seine Arme und schliefst
ganz ruhig ein.

Da sang der Engel,
wie es nur die Engel können,
Dir sehr leise
einen wunderschönen Traum :
In ihm bist Du
noch einmal Kind geworden
und spielst nun
für immer mit den Sternen.

© Jost Renner

Gedenkrede

Für U. N.

Er ist ein stilles Kind
in einem lauten Krieg gewesen,
und niemand hörte ihn.
Alle Wege hin zu Menschen
erschienen ihm bald endlos weit.
Da lernte er, zu trinken,
lernte prahlen, schimpfen, flirten
und für Stunden laut zu sein.
Und doch ist wohl ganz tief in ihm
ein sehr stiller Ort gewesen,
der ihm Angst und Demut vor dem Leben
und den Menschen anbefahl.
Er ist in seinen letzten Stunden
noch einmal Kind geworden.
So hat ihn die Mutter Tod gefunden
und still ins Ewige gewiegt.

© Jost Renner

Mißtrauen

Ich könnte es wohl Freiheit nennen,
zu leben,
als dürft‘ ich niemals wieder
lieben,
als müßt‘ ich niemals sterben.

Doch ich mißtraue mir :

Sind meine Tage nicht vergeudet,
weil doch
der Tod, die Liebe von mir ein Maß
verlangen,
damit ich es auferlege meiner Zeit ?

© Jost Renner

An ein Blatt

Fühltest Du
die Aussichtslosigkeit
der Lage,
Du ließest los und fielest.
Du, ein Blatt
und schon nicht mehr Blatt,
läßt Winde
Dir ein Leben gaukeln,
schmückst Dich
mit dem Reif der kalten Nacht,
als wär‘
Dein Herz nicht längst gefroren.
Und ich ?
Ich könnte selbst nicht lassen :
Wär‘ ich allein,
es wären tausend Bücher noch
zu lesen,
liebte mich niemand,
es wären tausend Küsse noch
zu träumen.
Ich will von Aussichtslosigkeit
nichts wissen.

© Jost Renner

Wiegenlied

Für J.

Dein Schmerz hat aufgehört,
und Du bist eingeschlafen.
Da ist zu dir ein großer,
sanfter Traum gekommen und
trug Dich leise mit sich fort :
Von nun an wird ein Himmel
Dich bedecken, gewebt aus
tiefer, dunkelblauer Ewigkeit,
damit Du still behütet seist.
So schlafe, denn unser Weinen
soll ein Wiegenlied Dir sein.

© Jost Renner

Ein Wind

Die Zeit ist ein Wind.
Sie weht
in jedes Herz hinein
und sie
schürt die rote Glut,
bis aus
ihr Flammen schlagen.

Die Zeit ist ein Wind.
Sie trägt
geduldig graue Asche
über eine
ganz stillgewordne Welt.

Und wir ?
Wir lebten in ihr, um zu
brennen !

© Jost Renner