Oxidationen

Übergang

Noch steht die Sonne hell am Himmel,
doch mir ist’s,
als säh‘ ich sie durch Tränen.

Noch blühen in den Gärten dunkle Rosen,
doch scheint mir,
ihr schwerer Duft sei Abschiedsschmerz.

Noch halt‘ ich Dich in meinen Armen,
doch spüre ich,
daß Du Dich schon an mich erinnerst.

© Jost Renner

Ungeduld

Müßte nicht längst Frühling sein ?
Noch aber ist die Sonne
ein bleicher, kalter Gott und
schaut unbewegt auf uns herab,
noch ist der Himmel bis auf seinen
tiefsten Grund gefroren,
und die Gebete, die wir sprechen,
fallen unerhört zu uns zurück.
Noch sind die Bäume vage Schatten,
Mahner einer Zwischenwelt,
in die wir dereinst selber fallen.
Müßte mich nicht schon jene halten,
die ich aus ganzem Herzen liebe,
damit ich ihr nicht verloren geh‘ ?
Müßte nicht längst schon Frühling sein ?

© Jost Renner

Blätter

Wenn der Wind kommt,
so werden wir
wispern, wispern diesen
heiligen Traum :
einmal nur ein Vogel
zu sein
und dem Himmel entgegen
zu fliegen.
Dort wollen wir singen,
und unser Lied
besänge freudig das Leben.

Kommt der Wind wieder,
so müssen wir
fallen, fallen der Erde
entgegen, als
hätte der Wind den Traum
niemals gehört
oder dürfte sich unser nicht
einmal erbarmen.
Dort aber bleibt uns nichts
als ein Rascheln :
und dieses Lied ist der Tod.

© Jost Renner

Ein Engel

In memoriam S.

Ein Engel
ist zu Dir gekommen;
Du hast ihn kaum bemerkt,
denn Deine Welt,
sie wirbelte im Kreise,
und Du hattest
auf einmal große Mühe, Dich
in ihr zu halten.

Ein Engel
ließ die Erde stille stehen,
und Du legtest Dich
in seine Arme und schliefst
ganz ruhig ein.

Da sang der Engel,
wie es nur die Engel können,
Dir sehr leise
einen wunderschönen Traum :
In ihm bist Du
noch einmal Kind geworden
und spielst nun
für immer mit den Sternen.

© Jost Renner

Gedenkrede

Für U. N.

Er ist ein stilles Kind
in einem lauten Krieg gewesen,
und niemand hörte ihn.
Alle Wege hin zu Menschen
erschienen ihm bald endlos weit.
Da lernte er, zu trinken,
lernte prahlen, schimpfen, flirten
und für Stunden laut zu sein.
Und doch ist wohl ganz tief in ihm
ein sehr stiller Ort gewesen,
der ihm Angst und Demut vor dem Leben
und den Menschen anbefahl.
Er ist in seinen letzten Stunden
noch einmal Kind geworden.
So hat ihn die Mutter Tod gefunden
und still ins Ewige gewiegt.

© Jost Renner

Mißtrauen

Ich könnte es wohl Freiheit nennen,
zu leben,
als dürft‘ ich niemals wieder
lieben,
als müßt‘ ich niemals sterben.

Doch ich mißtraue mir :

Sind meine Tage nicht vergeudet,
weil doch
der Tod, die Liebe von mir ein Maß
verlangen,
damit ich es auferlege meiner Zeit ?

© Jost Renner

An ein Blatt

Fühltest Du
die Aussichtslosigkeit
der Lage,
Du ließest los und fielest.
Du, ein Blatt
und schon nicht mehr Blatt,
läßt Winde
Dir ein Leben gaukeln,
schmückst Dich
mit dem Reif der kalten Nacht,
als wär‘
Dein Herz nicht längst gefroren.
Und ich ?
Ich könnte selbst nicht lassen :
Wär‘ ich allein,
es wären tausend Bücher noch
zu lesen,
liebte mich niemand,
es wären tausend Küsse noch
zu träumen.
Ich will von Aussichtslosigkeit
nichts wissen.

© Jost Renner