nahbei

Schwanengesang

Du singst nicht mehr –
und doch :
Dein Lied ist nie verstummt,
denn der Wind
wispert wohl auf immer
seine Strophen.
Und gehst Du auch fort :
der helle Mond
wird auf den dunklen Wassern
lautlos gleiten,
als sei er wie Du ein Schwan.

© Jost Renner

Selbstportrait

Was ist das Glück? Alles Unglück zu leben. Nikos Kazantzakis

Dies ist mein Schmerz :
daß ich bin.
Daß ich weitergehe
in der Zeit
und mein Herz und
meine Seele schinde
an den Mauern der Tage.
Daß mein Atem brennt
unter Bergen des Unheils,
bis die Brust selbst
steinern geworden.

Dies ist mein Glück :
daß ich bin.
Daß ich Wörter blute
aus meinem rohen Fleisch,
aus wunder Seele
in die Welt.
Daß mein Atem
mich immer noch fragt,
weshalb ich brenne.
Daß ich mich spüre.

Das bin ich :
bin mein Schmerz und
bin auch mein Glück :
daß ich bin.

© Jost Renner

Heimreise

Heim geht die Reise,
dorthin, wo
alles sein Maß hat :
die Steine sind
schwer wie Steine,
und die Seele vermag,
aus Eigenem zu fliegen.
Heim geht die Reise,
dorthin, wo
sich die Wörter nicht
ihres Ursprungs erinnern
und so leichtfüßig
wie schwerwiegend sind.

© Jost Renner

Nach dem Regen

Wie ein Kind ist dieser Tag –
mit still in sich gekehrtem Licht
und ein wenig verschämt.
Dann bricht aus Verborgenem
ein unbändiges Leuchten hervor,
und nichts, nichts ist gewesen,
das die Spuren von Nässe erklärt.

© Jost Renner

Tagesanbruch

Nun, da ein frühes Licht
zaghaft meine Stadt
mit dem samtenen Schimmer
beginnender Zeit überzieht,
der sie sanft erscheinen läßt
wie die Haut meiner Träume,
nun : will ich schlafen.
Denn ich fühle mich sicher.

© Jost Renner