nahbei

Töchter

Für B., für M., für S.

Eine griff
mit beiden Händen
in Dornen,
und ihr Schmerz ist
zu einer
Rose geworden, die sie
verschenkte.

Eine ließ
Worte sich ranken wie
wilden Wein
an Mauern empor, bis
sich schuldig
bekannten und fielen.

Eine ließ
aus tausendschöner Seele
ein Lachen
fallen in die offenen Augen
von Kindern
und lehrte sie, mutig zu sein
wie sie selbst.

Sie alle
sind unsere, der Müdegewordenen,
Töchter, und
ich bange weniger nun um die
Zukunft und
um das Schicksal der Welt !

© Jost Renner

Berlin

Ich denke mir Berlin
als alte Frau
mit verhärmten Zügen
und verwitterter Haut,
die unnötig
harsch ist zu Fremden.
als könnte sie nur so
ihre Würde wahren.

Ich denke mir, sie hat
ein großes Herz,
das sie nur selten zeigt.
In ihm sind tausend Wege
aus alter Zeit
hinein ins Gegenwärtige.
Und ganz im Veborgenen
da liebt sie mich.

© Jost Renner

Kriterien

Was denn sollte ich lesen,
wenn nicht ein Buch,
das mich hinabführte
in die Tiefen der Welt ?
Was nützte mir ein Buch,
das es nicht wagte,
mir das Geheimnis zu sagen,
daß der Mensch dem Menschen
ein Schmerz ist und
auch immer sich selbst ?

© Jost Renner

Glaubensfrage

Glaubte ich nicht, ich dürfte einmal noch lieben
und würde einmal nur wiedergeliebt,
ich ginge wohl fort von den Menschen.
Ich schüfe mir einen steinernen Garten
und pflanzte eine Rosenhecke aus Stahl.
Das, was ich Welt nenne, läse ich nur
aus schwarzen Zeichen auf weißem Papier
und wüßte selbst kein Wort mehr zu sagen.
Bis heute aber ist mir die Hoffnung geblieben,
ich könnte einmal nur willkommen sein.
So will ich also unter den Menschen leben,
sticht mich auch jedes Nein bis aufs Blut
und läßt die Sehnsucht langsam leiser werden.
Das, was ich Welt nenne, will ich spüren
wie den steten Schlag des eigenen Herzens
und ihm Tag für Tag eine Antwort geben.

© Jost Renner