nahbei

Stille

Für M.

Du hast
der Welt so oft
gesagt,
sie solle mit Dir
reden,
und hast doch selbst
geschwiegen.

Nun bist Du
still, wie es Dein
Wesen war,
aus dieser lauten Welt
gegangen,
die für Augenblicke nur
verstummt.

Ich wünsche
mir von ganzem Herzen,
es gebe
einen Gott, der Dich nichts
fragen muß,
der Deine tiefste Seele kennt
und weiß.

Gesellschaft

Ich war ja gewarnt :
es kämen härtere Zeiten.
So suchte ich die
Gesellschaft von Steinen,
denn ich wollte ja
auf immer unbewegt bleiben.

Zu den Steinen aber
sind auch Kinder gekommen :
Sie bauten aus ihnen
Städte und tausende Welten.
So kehrte ich wieder
in das Leben zurück und lernte,
im Sturme zu spielen.

© Jost Renner

Töchter

Für B., für M., für S.

Eine griff
mit beiden Händen
in Dornen,
und ihr Schmerz ist
zu einer
Rose geworden, die sie
verschenkte.

Eine ließ
Worte sich ranken wie
wilden Wein
an Mauern empor, bis
sich schuldig
bekannten und fielen.

Eine ließ
aus tausendschöner Seele
ein Lachen
fallen in die offenen Augen
von Kindern
und lehrte sie, mutig zu sein
wie sie selbst.

Sie alle
sind unsere, der Müdegewordenen,
Töchter, und
ich bange weniger nun um die
Zukunft und
um das Schicksal der Welt !

© Jost Renner

Berlin

Ich denke mir Berlin
als alte Frau
mit verhärmten Zügen
und verwitterter Haut,
die unnötig
harsch ist zu Fremden.
als könnte sie nur so
ihre Würde wahren.

Ich denke mir, sie hat
ein großes Herz,
das sie nur selten zeigt.
In ihm sind tausend Wege
aus alter Zeit
hinein ins Gegenwärtige.
Und ganz im Veborgenen
da liebt sie mich.

© Jost Renner

Kriterien

Was denn sollte ich lesen,
wenn nicht ein Buch,
das mich hinabführte
in die Tiefen der Welt ?
Was nützte mir ein Buch,
das es nicht wagte,
mir das Geheimnis zu sagen,
daß der Mensch dem Menschen
ein Schmerz ist und
auch immer sich selbst ?

© Jost Renner

Bedacht

Bedenken will ich mich aber,
leichthin
von Liebe zu sprechen,
da doch
jedes Wort so schwer trägt
an allem
Vergangenen und Kommenden,
weil doch
das Gewicht zweier Menschenleben
die Liebe
selbst in die Wagschale legt.

© Jost Renner

Freundschaft

Ihr, die fortging von sich,
nur gekleidet in Nacht,
und die eine Fremde wurde,
war ich immer ein Freund.
Kehrt sie zurück, dann will ich
auch ihrer dunklen Schwester,
die die Wahrheit sagt
in unverständlichen Sprachen,
ein Freund sein,
denn sie ist mir vertraut.

© Jost Renner

Glaubensfrage

Glaubte ich nicht, ich dürfte einmal noch lieben
und würde einmal nur wiedergeliebt,
ich ginge wohl fort von den Menschen.
Ich schüfe mir einen steinernen Garten
und pflanzte eine Rosenhecke aus Stahl.
Das, was ich Welt nenne, läse ich nur
aus schwarzen Zeichen auf weißem Papier
und wüßte selbst kein Wort mehr zu sagen.
Bis heute aber ist mir die Hoffnung geblieben,
ich könnte einmal nur willkommen sein.
So will ich also unter den Menschen leben,
sticht mich auch jedes Nein bis aufs Blut
und läßt die Sehnsucht langsam leiser werden.
Das, was ich Welt nenne, will ich spüren
wie den steten Schlag des eigenen Herzens
und ihm Tag für Tag eine Antwort geben.

© Jost Renner

Erkenntnis

Wenn es nicht meine Nacht ist,
sondern Deine,
bin ich hilflos wie ein Kind.
Dann male ich eifrig Sonnen
auf beschlagenes Fensterglas
und webe einen Mantel aus Worten,
damit er Dich wärme.
Ich habe viele Jahre gebraucht,
um zu lernen,
daß vielleicht dies allein für Dich
wirklich zählt.

© Jost Renner