nahbei

Berlin

Ich denke mir Berlin
als alte Frau
mit verhärmten Zügen
und verwitterter Haut,
die unnötig
harsch ist zu Fremden.
als könnte sie nur so
ihre Würde wahren.

Ich denke mir, sie hat
ein großes Herz,
das sie nur selten zeigt.
In ihm sind tausend Wege
aus alter Zeit
hinein ins Gegenwärtige.
Und ganz im Veborgenen
da liebt sie mich.

© Jost Renner

Kriterien

Was denn sollte ich lesen,
wenn nicht ein Buch,
das mich hinabführte
in die Tiefen der Welt ?
Was nützte mir ein Buch,
das es nicht wagte,
mir das Geheimnis zu sagen,
daß der Mensch dem Menschen
ein Schmerz ist und
auch immer sich selbst ?

© Jost Renner

Glaubensfrage

Glaubte ich nicht, ich dürfte einmal noch lieben
und würde einmal nur wiedergeliebt,
ich ginge wohl fort von den Menschen.
Ich schüfe mir einen steinernen Garten
und pflanzte eine Rosenhecke aus Stahl.
Das, was ich Welt nenne, läse ich nur
aus schwarzen Zeichen auf weißem Papier
und wüßte selbst kein Wort mehr zu sagen.
Bis heute aber ist mir die Hoffnung geblieben,
ich könnte einmal nur willkommen sein.
So will ich also unter den Menschen leben,
sticht mich auch jedes Nein bis aufs Blut
und läßt die Sehnsucht langsam leiser werden.
Das, was ich Welt nenne, will ich spüren
wie den steten Schlag des eigenen Herzens
und ihm Tag für Tag eine Antwort geben.

© Jost Renner

Erkenntnis

Wenn es nicht meine Nacht ist,
sondern Deine,
bin ich hilflos wie ein Kind.
Dann male ich eifrig Sonnen
auf beschlagenes Fensterglas
und webe einen Mantel aus Worten,
damit er Dich wärme.
Ich habe viele Jahre gebraucht,
um zu lernen,
daß vielleicht dies allein für Dich
wirklich zählt.

© Jost Renner