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Hypothese

Es sind vielleicht Stürme
vonnöten,
die aus dunklem Himmel
fallen
wie stählerne Klingen
die jede
Gewißheit und jede Hoffnung
zerschneiden
als seien sie dichtes Geäst
und Gezweig.

Es sind vielleicht Stürme
vonnöten,
damit aus dem Urgrund
des Schweigens
meine Sprache brechen muß
und ich sage :
dies ist die Welt, die ich liebe
und fürchte,
und siehe : dies hier bin ich.

© Jost Renner

Szenario

Was aber wird
aus den Dichtern,
wenn niemand mehr
zu lesen versteht ?

Sie küssen vielleicht
die wehenden Lippen
schweifender Winde,
und aus allen Tränen,
die sie je weinten,
entsteht ein Mosaik,
das uns einmal
den nächtlichen Himmel
zu zeigen vermag.
Sie werden als Flamme
in dunklen Fenstern
lodernd widerscheinen,
sie versteinern vielleicht
zu einer marmornen Rose.

Sie werden wohl immer
Poeten sein,
weil sie das müssen.

© Jost Renner

Maskenball

Schwarz und weiß und wieder
schwarz
ist diese Maske aus Worten.
Unter
einem Kostüm aus gesprochenen
Schleiern
bewegt sich all das, was doch
vielleicht
auf immer unsagbar ist :
ich.
Mein Tanz ist ein Schreiten.

© Jost Renner

Schreibblockade

Ich finde immer noch Wörter,
nur sind sie steinern geworden.
So bedeutet „Baum“ noch immer
einen Baum mit dichtem Laub,
der den gleissenden Sonnenschein
in dunkle Schatten verwandelt
und leise die Lieder des Windes singt.
Nur kann ich seine Kühle nicht spüren,
meine Ruhe niemals dort finden.
Dieser Baum bleibt ein lebloses Bild,
und ich weiß nicht, wie ich schreiben
könnte von Bäumen, vom Wald.

© Jost Renner

Erntedank

Ich lege meine Verse
in den Tag
als ein Bündel Ähren,
in dem sich
die Wörter gleich Körnern
ordnen.

Ich bringe sie dar
wie eine Kiepe rotgelber
Äpfel, die
süß-bitter riechen nach Herbst.

Ich lege meine Verse
in den Tag
wie einen Haufen Kartoffeln,
an deren Schale
die dunkle Erde noch haftet.

Ich bringe meine Verse
als Opfer
wie ein blutendes Herz,
das, herausgerissen
aus aufgeschnittenem Leib,
immer noch schlägt.

Und danke im Stillen
für jedes geschriebene Wort.

© Jost Renner

Steinig

Worte wie aus Felsen
gesprengtes Geröll;
sichtbar ist niemand,
der spräche.
Winterwinde wehen und
es fallen Sommerregen.
Dem Bedürfnis nach
einer Antwort scheint so
Genüge getan.
Doch einer wartet.
Vergeblich.

© Jost Renner

Schreiben

Das ist es; man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten.“ Max Frisch

Ablegen
unter Schmerzen
diese Haut aus Worten,
damit sie fremder werde.
Voranschreiten,
bereit für neue Wunden,
und froh sein.
Dennoch.

© Jost Renner

Ansporn

Schreib !
Fülle die Zeilen
mit dem Blut
Deiner Worte !
Denn Du bist nur
ein flüchtiger Traum
Deiner Seele,
der beim Erwachen
verlorengeht;
und niemand, niemand
wird sich erinnern,
Dir begegnet zu sein.
Schreib !

© Jost Renner

Befürchtung

Wenn ich Dir schreibe,
einen Brief, ein Gedicht,
bin ich ganz Wort.
Wenn wir uns begegneten,
müßte ich nicht fürchten,
Du erkenntest mich nicht,
weil ich Dir vielleicht
nichtssagend erschiene ?

© Jost Renner