Lautwort

Willkommenskultur

Es kam der Tod als gern gesehener Gast
in dieses Land.
Man hat ihn herzlich willkommen geheißen
und hat ihn hofiert,
denn er wußte von tiefen, dunklen Meeren
zu erzählen und von
tödlichen Schüssen an sicheren Grenzen.
Er wußte zu singen
von den künftigen Schlachten und Krieg
und davon, wie man
bald schon freudig den Heldentod stirbt.
Sie lernten von ihm,
mit den grausen Schlächtern zu schachern.
Sie riefen sehr laut
nach dem Galgen, nach Köpfen der Gegner,
sie gingen umher und
markierten die, die fremd sind und anders,
um sie dann ungestraft
brennen, schlagen und morden zu dürfen.
Sie sehen ihre Rettung
nur im Tode und haben Angst vor dem Leben.

Ach, ich fürchte mich vor diesem Land !

© Jost Renner

Wider die Bilder

Bruder Aaron,
ich stieg herab aus den Bergen
und sah Dich und die Deinen,
wie Ihr selbtvergessen tanztet
um das Bild eines Toten, als
sei es ein Kälbchen aus Gold,
nur um des Spiegelbilds willen.

Aaron, mein Bruder,
ich stieg herab aus den Bergen :
dort gab es kein Bild, und doch –
ich lernte, innig zu glauben,
und wußte, ein Bild ist kein Gott
und ein Tanz niemals Tat !

© Jost Renner

Drängende Fragen

Wo könnte ich denn
Heimat finden
inmitten der Feuer,
da ein noch
fruchtbarer Schoß wieder
Brände gebiert ?

Und was soll ich reden
oder schreiben,
wenn außer mir niemand
mehr weiß
um die heilige Asche, die
noch immer
jedes unserer Worte bedeckt ?

Wie aber könnte ich
denn schweigen,
da ich doch niemals vergaß,
daß Menschenrauch
einst aus Schornsteinen quoll –
auch der Meinesgleichen ?

© Jost Renner

Großstadt

Wie denn
hätten wir wissen können ?
Wir glaubten
sie ja fern, bei Freunden,
oder in einer
anderen Stadt mit ihrer Freiheit.
Und doch :
es sind keine Ansichtskarten
gekommen.
Und nun ist die vertraute Tür
der Nachbarwohnung
in tiefster Trauer zerbrochen.

© Jost Renner

J’accuse

Ich klage an
all die schönen Worte,
die die Unzulänglichkeit
der Sprechenden preisen,

all die lieblosen Worte,
die die hehren Ideale
theoretischer Liebe in
siebente Himmel heben.

Ich klage an
all die lauten Worte,
die niemanden dulden,
der anders lebt
und ist als man selbst,

jedes Wort, das uns
zu Kriegen ruft,
die nur vermeintlich
gerecht sind und doch
zu vermeiden wären.

Ich klage an,
daß man redet und redet
und niemals lernte,
einmal nur still zu sein !

© Jost Renner

Wutrede

Sie verhandeln einvernehmlich
die Abschaffung der Sprache.
Das unverbrüchliche Wort wird
übersetzt ins Beliebige, das
keine Sprache ist, sondern nur
ein unverständliches Rauschen.
So will ich mein Wort nehmen
und es Stein nennen, es werfen,
und mich beim Wort nehmen,
denn sonst müßte ich schweigen.

© Jost Renner

Andachtsraum

Da man den Tod
des Einen abwägt
gegen den Tod
eines Anderen,
da die Trauer
des Einen
verdächtig ist
den Anderen,
will ich einen Raum
schaffen in mir,
in dem die Toten
die Toten
still beweinen.
Denn es sind sie,
die mir allein noch
menschlich scheinen.

© Jost Renner

Lagebericht

Sie schweigen.
Wir aber denken
uns unseren Teil,
der kein Ganzes ist,
wohl aber groß genug.
Sie fürchten, wir
könnten uns sorgen,
und schweigen daher.
Wirklich schlecht also
steht es um uns.

© Jost Renner