Lautwort

Vorabend

Hörst Du denn nicht
die Krähen ?
Sie versammeln sich
rings im
winterschwarzen Geäst.
Es wird der
Mensch bald gegen den
Menschen
ziehen, und einer wird
dem andren
die bunte Haut vom Leibe
reißen.
Für die Krähen ist alles
Blut rot, und
sie glauben unbeirrt an
das Fleisch.

© Jost Renner

Willkommenskultur

Es kam der Tod als gern gesehener Gast
in dieses Land.
Man hat ihn herzlich willkommen geheißen
und hat ihn hofiert,
denn er wußte von tiefen, dunklen Meeren
zu erzählen und von
tödlichen Schüssen an sicheren Grenzen.
Er wußte zu singen
von den künftigen Schlachten und Krieg
und davon, wie man
bald schon freudig den Heldentod stirbt.
Sie lernten von ihm,
mit den grausen Schlächtern zu schachern.
Sie riefen sehr laut
nach dem Galgen, nach Köpfen der Gegner,
sie gingen umher und
markierten die, die fremd sind und anders,
um sie dann ungestraft
brennen, schlagen und morden zu dürfen.
Sie sehen ihre Rettung
nur im Tode und haben Angst vor dem Leben.

Ach, ich fürchte mich vor diesem Land !

© Jost Renner

Wider die Bilder

Bruder Aaron,
ich stieg herab aus den Bergen
und sah Dich und die Deinen,
wie Ihr selbtvergessen tanztet
um das Bild eines Toten, als
sei es ein Kälbchen aus Gold,
nur um des Spiegelbilds willen.

Aaron, mein Bruder,
ich stieg herab aus den Bergen :
dort gab es kein Bild, und doch –
ich lernte, innig zu glauben,
und wußte, ein Bild ist kein Gott
und ein Tanz niemals Tat !

© Jost Renner

Drängende Fragen

Wo könnte ich denn
Heimat finden
inmitten der Feuer,
da ein noch
fruchtbarer Schoß wieder
Brände gebiert ?

Und was soll ich reden
oder schreiben,
wenn außer mir niemand
mehr weiß
um die heilige Asche, die
noch immer
jedes unserer Worte bedeckt ?

Wie aber könnte ich
denn schweigen,
da ich doch niemals vergaß,
daß Menschenrauch
einst aus Schornsteinen quoll –
auch der Meinesgleichen ?

© Jost Renner