Lautwort

Zur Lage

Der grimme Winter
ist nun doch gekommen –
es haben viele
von ihm sagen hören,
und niemand
wollt‘ es glauben.

Noch eilen Menschen
durch die kalten Straßen,
die tief in sich
ein warmes Licht bewahren,
doch das muß
recht bald verglimmen.

Allerorten wird man
Brände legen,
nur um sich zu wärmen.
Ihr Rauch zieht
dann zum Himmel hoch,
und unsere Zeit
wird finster werden.

© Jost Renner

Advent

Seid bereit,
Ihr Wächter der Strände,
hinunter zum Wasser zu gehen
und die Toten zu zählen.
Seid bereit, sage ich,
denn eine heilige Flut, die
schwärzer ist als jedwede Nacht
wird ein Kind mit sich tragen
und es betten in Tang.
Seid bereit, den dunklen Himmel
tausend Sterne weinen zu sehen !

© Jost Renner

Seuche

Diese Welt : ein Krankenlager,
und wir darin.
Wir wälzen uns in Fieberkrämpfen
auf zerwühlten,
schweißdurchtränkten Laken, denn
uns brennen,
stechen und zerreißen Schmerzen.
Unsere Ärzte
haben wir längst fortgewiesen –
sie wüßten wohl
zu helfen, doch ihre Medizin ist
uns zu bitter.
Wir lauschen lieber Scharlatanen,
die uns Hitze,
Schröpfen, Schneiden anempfehlen.
Und träumen wir,
so sagt uns ein wirres Wahngebilde,
diese Krankheit,
die uns grausam unermüdlich quält,
die seien wir.

© Jost Renner

Alarm

Ich sage Dir :
uns kommt die Welt abhanden !
Man hört,
es seien Drachen auferstanden,
die waren
seit langem schon besiegt,
und Fluten,
Brände fressen unser Land.
Es gilt
der Widerruf mehr als die Versprechen,
die man
uns einst in unserer Jugend gab.
Es kommen
von allen Seiten schwere Wetter,
die den
Mörtel aus den Mauern unserer
Häuser brechen.
Und alle Wörter,
die wir noch zu sagen wagen,
sind fremd,
als stammten sie aus toten Sprachen.
Wir kennen
viele uns vertraute Namen
und wissen
damit niemanden mehr zu rufen.
Ich sage Dir :
uns kommt die Welt abhanden,
und ahne,
daß wir bald schon sterben wollen.

© Jost Renner

Vorabend

Hörst Du denn nicht
die Krähen ?
Sie versammeln sich
rings im
winterschwarzen Geäst.
Es wird der
Mensch bald gegen den
Menschen
ziehen, und einer wird
dem andren
die bunte Haut vom Leibe
reißen.
Für die Krähen ist alles
Blut rot, und
sie glauben unbeirrt an
das Fleisch.

© Jost Renner