Herbarium

Sollbruchstelle (Impatiens noli-tangere)

Rühr mich nicht an, nicht
an mein Herz,
denn ich müßte zerspringen.
All meine Wörter
brächen auf einmal hervor,
und niemand wüßte,
ob sie jemals gediehen.

Rühr mich an, rühr Du
an mein Herz,
denn ich bin zum Zerspringen
gemacht, und alles,
was Wort ist in mir, gebietet,
daß ich es endlich
nur einmal zu schreiben wage.

© Jost Renner

Bitte (Bellis perennis)

Mutter Sonne,
bevor Du nun gehst,
bitte, schenk uns ein Licht !
Wir wollen es
in unseren Herzen bewahren.

Schlafen wir dann,
so kommt zu uns im Mondlicht
ein Engel, der
ganz sanft unsere Blüten küßt
und uns sagt,
wie lieb wir ihm seien.

Mutter Sonne,
wir werden wissen, dieser Engel
warst Du.

© Jost Renner

Begegnung (Betula pendula)

Da steht sie vor mir :
emporgewachsen
aus versehrtem Boden,
und es scheint,
sie wäre ein Stück des
Himmelslichts, das
auf die Erde niederfiel.
Weißgewandet und
unnahbar ist sie Priesterin
der neuen Zeit
und segnet still das Land.
Mich drängt es,
daß ich zu ihr eile und
auf weiße Haut
von Stürmen, gebrochnen Herzen
und von Hoffnung
schreibe, und ahne leise doch :
sie weiß.

© Jost Renner

Mutter / Boden (Pinus sylvestris)

Entflohen dem Boden,
der garstig-sandigen Mutter,
die, obwohl längst gestorben,
mich immer noch nährt
mit sauer-bitterem Schmerz.

Entflohen hinauf
in die Fremde des Himmels,
die Sprache der Winde zu lesen und
Eigenes auf Wolken zu schreiben –
vom Zweifel und meinem Wunsch,
einmal nur Blätter zu tragen.

© Jost Renner

Ausguck (Pelargonium X Hortorum)

Sie schauen,
wer kommt und wer geht,
oder schauen ins Graue.

Sie lauschen
auf schrille Töne spielender Kinder
oder sie lauschen der Stille.

Sie lehnen sich
bewegungslos und geduldig
auf die Brüstungen ihrer Balkone.

Kein Wind
will es wagen, den rosa-weißen Stoff
ihrer Kittelschürzen zu kräuseln.

Und wird es dann
dunkel am Abend, so wissen sie,
vom Leben zu sagen, und werden doch
schweigen.

© Jost Renner