Herbarium

Singe, Orpheus (Herbarium)

Du aber wandtest Dich um
und fandest
Stunden wie getrocknete Blüten,
fandest in Dir
auch Tage wie giftige Frucht,
Du stießt auf
ein zernarbtes Bild Deiner Haut,
als hätte
man Rinde vom Stamme geschält.
Singe, Orpheus,
laß uns die verwehten Düfte träumen,
laß uns nur
einmal Deine Bitterkeit schmecken.
Singe, Orpheus,
denn nichts und niemand kehrt wieder,
auch Eurydike nicht !

© Jost Renner

Dichterin (Salix babylonica)

Da steht sie
am Ufer eines Sees,
der dunkel schimmert
wie die Zeit,
und beugt sich still,
als sänne
sie den lang versunknen
Stunden nach,
als warte sie, daß man
ihr bald schon
neues Glück verspräche.
Im Wasser
spiegeln sich die Blätter,
als wären
sie tausend Seelenbilder,
geschrieben
in die Unendlichkeit.

© Jost Renner

Zeitlichkeit (Fructus cynosbati)

Bin ich
denn noch Rose oder
bin ich
einzig Frucht, da
doch in
kalten Winden, schweren
Regen alle
Blätter und all die
schönen
Blüten fielen ?

Ist von
mir nicht nur ein Gerüst
geblieben
aus scharfen Dornen, das
wehrhaft noch
die Beeren hält, als
wären es
die so vertrauten Bilder
meines Lebens,
die bald dunkel werden und
verlorengehen ?

© Jost Renner