Einrede

Bergfreund

Ich kann Dich halten,
wenn Du Dich halten läßt.
Die Abgründe sind steil und tief
im Hochgebirge der Trauer.
Die Felsen, kantig und rauh,
zerreißen beim Tasten die Haut.
Die sonst samtene Fernsicht
ist durch andere Gipfel verstellt.

Doch ich kann Dich nicht leiten
durch die verdunkelten Wege
Deiner schattenreichen Traurigkeit,
denn hier ist Dein ureigenes Land.
Ich kann Dir Begleiter sein,
zugegeben, wenig kundig der
verborgen verschlungenen Pfade,
der stützt und Ausschau hält,
ob nicht ein Weg unvermutet
in einem Nirgendwo endet
oder sich verlockende Wegmarken
täuschend in der Höhenluft spiegeln.

© Jost Renner

Vielleicht Trost

Für G.

Kann das Dir Trost sein :
daß es gewesen ist
und nicht nie geschah ?
Daß Du lieben konntest
und wolltest und durftest,
bis Du ganz zum Herzen wurdest ?
Daß man Dich wert hielt
und liebte, weil einzig Du
eben Du gewesen bist, die
Du unveränderlich bleibst ?
Daß es Nächte gab,
die anders waren als Schlaf,
und kaum gezählte Tage,
die sich in fließenden Stunden verloren ?
Daß sich Sätze und Worte verketteten
zu einem Gewebe aus Zwiegespräch
und weit mehr waren als Sprache ?
Daß dies alles war und
ohne Dich nicht hätte sein können,
daß Du Wort bist und Herz
und Liebe und Du in jeder
noch kommenden Zeit ?

© Jost Renner