Einrede

Laut

Diese Welt
ist laut geworden,
und tausend
selbsternannte Engel
tönen Regeln
goldner Götzenbilder.

Es gelten
ihnen weder Liebe noch
das Leben,
und jede Predigt ist ein
Ruf nach Blut :
es soll die Götzen nähren.

Diese Welt
ist laut geworden,
daß sie
meine Seele schmerzt,
und in
der Behauptung ist für sie
kein Sein.

Denn sie will
tausend Fragen stellen,
will zweifeln,
und allein dies gilt ihr
als Leben :
Sein als ein Widerwort
zur Welt.

© Jost Renner

Vanitas

Ach, Du weinst :
auf ewig unerreicht
das Bildnis einer Göttin,
das Du schufst,
um ihm zu gleichen,
und ewig fern
die schönen Götter,
die Du doch
an Dich binden willst.

Doch tröste Dich :
es sind die wahren Götter
unscheinbar, und
ihre Schönheit liegt allein
in ihrem Wort,
das eine Welt erschafft,
die bis tief
hinein in Deine Seele reicht.

Ach, weine nicht !
Such in allen Fernen nach
dem einen
Mensch gewordnen Gott,
in dessen Tränen
sich Deine Schönheit spiegelt
und dessen Lachen
Dir ganz sanft von seiner
Liebe singt.

© Jost Renner

Erziehung

Erst mußt Du
aufhören, zu weinen,
dann aber
darfst Du träumen wie sie
von Unversehrtheit
und Du wirst nicht wissen,
wie Dir geschah.
Du wirst träumen, Kind,
gebrochen wie sie.

© Jost Renner

Brief in die Vergangenheit

Ich schreibe Dir,
Dir, der Du
ich gewesen bist
in einer Zeit
beginnenden Schmerzes.

Ich schreibe Dir,
damit Du bleibst und
keinen Ausweg suchst
aus der wirbelnden Welt,
damit Du Dich in sie krallst,
bis ihre Haut blutet.

Der Tod wird Dir lang noch
unerreichbar sein.

Ich schreibe Dir
aus den unbewohnten Gebieten,
in der eine Begegnung immer
auch ein Abschied ist.

© Jost Renner

Vergewisserung

„Omnia mea mecum porto.“ – Marcus Tullius Cicero

Ich bin der, der ich bin.
Meine Knochen aus Zeit
sind längst brüchig geworden,
in meinen zu engen Adern fließt
hellroter Schmerz und verebbt
unmerklich zu tiefer Müdigkeit.
Ich bin der, der ich bin :
all das Meine trage ich bei mir.
Ich bin der, der ich gewesen bin,
und der, der ich wurde. Vielleicht,
vielleicht nur weiß ich mir Rat.

© Jost Renner

Pucks Verteidigung

Ach, Oberon, mein Herr,
nicht ich laß seine Liebe
ihr gering erscheinen und
bedeutungslos. Nicht ich
laß sie die Liebe suchen,
wo man sie ihr seit je verwehrt.
Sie will einer Anderen doch nur
die Liebe nehmen, die sie selbst
nie wirklich spüren kann :
denn ihre Welt soll lieblos sein.

© Jost Renner

Memento

Daß zwischen uns Menschen
auch Notwendiges freiwillig ist,
läßt manchmal vergessen,
daß oft zwischen Freunden
das Freiwillige notwendig bleibt.
Liebe wäre notwendige Begeisterung.

© Jost Renner

Bergfreund

Ich kann Dich halten,
wenn Du Dich halten läßt.
Die Abgründe sind steil und tief
im Hochgebirge der Trauer.
Die Felsen, kantig und rauh,
zerreißen beim Tasten die Haut.
Die sonst samtene Fernsicht
ist durch andere Gipfel verstellt.

Doch ich kann Dich nicht leiten
durch die verdunkelten Wege
Deiner schattenreichen Traurigkeit,
denn hier ist Dein ureigenes Land.
Ich kann Dir Begleiter sein,
zugegeben, wenig kundig der
verborgen verschlungenen Pfade,
der stützt und Ausschau hält,
ob nicht ein Weg unvermutet
in einem Nirgendwo endet
oder sich verlockende Wegmarken
täuschend in der Höhenluft spiegeln.

© Jost Renner

Vielleicht Trost

Für G.

Kann das Dir Trost sein :
daß es gewesen ist
und nicht nie geschah ?
Daß Du lieben konntest
und wolltest und durftest,
bis Du ganz zum Herzen wurdest ?
Daß man Dich wert hielt
und liebte, weil einzig Du
eben Du gewesen bist, die
Du unveränderlich bleibst ?
Daß es Nächte gab,
die anders waren als Schlaf,
und kaum gezählte Tage,
die sich in fließenden Stunden verloren ?
Daß sich Sätze und Worte verketteten
zu einem Gewebe aus Zwiegespräch
und weit mehr waren als Sprache ?
Daß dies alles war und
ohne Dich nicht hätte sein können,
daß Du Wort bist und Herz
und Liebe und Du in jeder
noch kommenden Zeit ?

© Jost Renner