Die Stunden

Sechs Uhr

Wie eine Blüte
öffnet sich nun der Tag
dem ersten Licht,
Und schon beginnen wir,
zu tanzen,
als wären wir berauscht.
Kein Halten
wird es fortan geben,
bis schließlich
dann am Abend die Blüte
ganz langsam
welkt und endlich fällt.

© Jost Renner

Fünf Uhr

Der Himmel
aus dunklem Marmor –
ein Tempel,
ein Orakel das Licht.
Du fragst
in dieser Stunde nach
dem Wesen
des kommenden Tages,
doch die
Weissagung lautet :
„Sei glücklich,
niemals zu wissen.“

© Jost Renner

Erstattung

Die Stunde,
die sie uns nahmen,
wäre eine
der Hoffnung gewesen :
Wir hätten
den Frühling geträumt.

Die Stunde,
die sie uns gaben,
blutete Nacht,
und ließ uns träumen,
wir würden
wohl sterben im Winter.

© Jost Renner

Zwei Uhr

In dieser Stunde
kommt die Nacht zu mir
als eine Göttin
und verlangt ein Opfer.

In dieser Stunde
gebe ich hin jede Gewißheit,
schreibe von nun an
auch den geringsten Zweifel
in ein Gedicht.

In dieser Stunde –
und für alle kommende Zeit –
sind sie betrogen,
der Göttin sternkalte Augen,

denn in den Worten,
die ich zu schreiben vermag,
ist immer auch
meine Hoffnung verborgen.

© Jost Renner

Mitternacht

Dies ist die dunkle Stunde,
in der ein Schatten
sich über eine Wiege beugt
und leise spricht :
Ich habe Dich geboren : Du
wirst sein wie ich.

Dies ist die dunkle Stunde,
in der ein Schatten
seine ersten Atemzüge tut
und ganz im Stillen träumt,
er würde einmal Licht.

© Jost Renner