Autor: tinius

Blätter

Wenn der Wind kommt,
so werden wir
wispern, wispern diesen
heiligen Traum :
einmal nur ein Vogel
zu sein
und dem Himmel entgegen
zu fliegen.
Dort wollen wir singen,
und unser Lied
besänge freudig das Leben.

Kommt der Wind wieder,
so müssen wir
fallen, fallen der Erde
entgegen, als
hätte der Wind den Traum
niemals gehört
oder dürfte sich unser nicht
einmal erbarmen.
Dort aber bleibt uns nichts
als ein Rascheln :
und dieses Lied ist der Tod.

© Jost Renner

Pflanztip

Nicht vorschnell
schreib nieder das Wort :
erst muß es
reifen im Schweigen und
sich nähren
von Herzblut und Welt,
muß Wurzeln
ausbilden im Dunkeln.
Denn nur dann
kann es sich behaupten
in all den
Stürmen der Zeit und
kann blühen.

© Jost Renner

Nachricht von Schiffen (Seestück III)

Sieh doch den König :
so lang schon
starrt er aufs Meer
und wartet auf
Nachricht von Schiffen,
die er entsandte
ins Fremde.

Sieh doch den König :
der baut sich
aus zerbrochenen Masten
und Planken
ein schützendes Haus,
damit er am
Strande nicht friert.

Sieh doch den König :
der weiß nicht
und will es nicht wissen.

Sieh doch den König :
Dieser König bin ich !

© Jost Renner

Herbst-Melancholie

Ich bin einst
mit dem Herbst gekommen,
war ein Kind
der ersten, stillen Nebel.
Mich lehrten
Krähen ihre dunklen Lieder,
und ich weiß
sie immer noch zu singen.
Ich finde
selbst in allen hellen Tagen
noch einen
Flecken tiefster Dunkelheit
und spüre
in Sommerwinden diesen einen
kalten Hauch.
Noch seh‘ ich
tausend bunte Blätter wirbeln
und weiß doch,
der Herbst wird mich wohl mit
sich nehmen,
wenn er dann eines Tages geht.

© Jost Renner

Die Maurer

Sie werden bald kommen,
um Steine
und Mörtel zu bringen.
Noch bleibt Dir
genügend Zeit, daß Du
Dein Haus
füllest mit Geschichten
und Bildern
einer verlorenen Welt.

Sie werden bald kommen,
denn nachdem
Du Dich einmal und wieder
verlaufen
hattest in endloser Ebene
und müde
gewesen bist bis auf den Tod,
da hast Du
ihnen den Auftrag erteilt.

© Jost Renner