Autor: tinius

Evolution

Als wir
Häuser bauten und
Straßen,
bedachten wir nicht,
daß Stein
sich nähren würde
vom Regen
und unseren Tränen;

sahen nicht,
daß er Wälder und
Wiesen
zerfleischen müßte
und den
Himmel tödlich verwunden,
bis nichts
Heiliges mehr bliebe.

Da ist
niemand gewesen, der
weissagte,
wir müßten Schluchten
durchwandern,
den zu finden, der unser
zu Stein
gewordenes Herz endlich erlöst.

© Jost Renner

Ein Engel

In memoriam S.

Ein Engel
ist zu Dir gekommen;
Du hast ihn kaum bemerkt,
denn Deine Welt,
sie wirbelte im Kreise,
und Du hattest
auf einmal große Mühe, Dich
in ihr zu halten.

Ein Engel
ließ die Erde stille stehen,
und Du legtest Dich
in seine Arme und schliefst
ganz ruhig ein.

Da sang der Engel,
wie es nur die Engel können,
Dir sehr leise
einen wunderschönen Traum :
In ihm bist Du
noch einmal Kind geworden
und spielst nun
für immer mit den Sternen.

© Jost Renner

Paradise lost

Ich durchstreifte die Welt
und bin dort
einem düsteren Engel begegnet,
der war
in das Fell eines Löwen gehüllt
und ging fort.

Ich fand enen Garten und darin
einen Baum,
dem waren die Blätter abhanden
gekommen.
Die lagen nun auf schwarz-modernder
Frucht und
haben selbst zu faulen begonnen.

Ich sah das Skelett eines Lammes.
Die Rippen
wölbten sich als ein Grabmal für
die Haut
einer längt verschwundenen Schlange.

Ich durchstreifte die Welt
und bin dort
einer sonderbar schweigsamen Frau
begegnet :
Nur die Augen haben gesprochen von
der tiefen
Trauer um ihren erschlagenen Sohn.

© Jost Renner

Krisenstimmung

Was aber
weiß ich denn vom Krieg ?
Ich wuchs auf
in friedlichen Zeiten,
da war er
nichts als ein Narbengewebe
unserer Städte,
da gab es nur Bilder aus
fernen Ländern
und noch fernerer Zeit.

Spreche ich
aber von unseren Tagen,
begegnet mir
in manchen verborgenen Winkeln
der Sätze
dieses dunkle Wort als
ein Gespenst,
als soll es mich mahnen.

Träume ich,
dann höre ich in den Reden
Klageschreie
von sterbenden Kriegern.
Ich sehe
die Völker unruhig werden
und brodeln,
als seien sie auf ein Feuer gesetzt
und schlügen
blutig platzende Blasen.

Es wächst
in diesen Träumen ein giftiges Kraut
und wuchert
hinein in meine friedlichen Tage :
ich nenne es Furcht.

© Jost Renner

Gedenkrede

Für U. N.

Er ist ein stilles Kind
in einem lauten Krieg gewesen,
und niemand hörte ihn.
Alle Wege hin zu Menschen
erschienen ihm bald endlos weit.
Da lernte er, zu trinken,
lernte prahlen, schimpfen, flirten
und für Stunden laut zu sein.
Und doch ist wohl ganz tief in ihm
ein sehr stiller Ort gewesen,
der ihm Angst und Demut vor dem Leben
und den Menschen anbefahl.
Er ist in seinen letzten Stunden
noch einmal Kind geworden.
So hat ihn die Mutter Tod gefunden
und still ins Ewige gewiegt.

© Jost Renner