Monat: April 2016

Trost

Am Tage
kamen all meine Freunde
und wollten,
daß ich sie tröste.
Ich sagte,
es gebe keinen Grund,
sich zu sorgen
und ich
wäre bald wieder gesund.

Des Nachts
kam mein Tod, setzte
sich zu mir
und nahm die Einsamkeit
von mir.
Wir schwiegen, und jede
endlos sich
dehnende Stunde war mir
ein Trost.

© Jost Renner

Hecken

Laßt uns
Hecken pflanzen in’s ebene Land.
Sie sollen
wurzeln in treibendem Sand.
und mit
der Zeit ihre Netze knüpfen aus
dichtem Gezweig,
um alle Unbill des Himmels
zu fangen.

Laßt uns
aber auch Gedichte schreiben in diese
unstete Zeit,
denn sie – als seien sie Hecken – brechen
den Sturm.

© Jost Renner

Wendepunkt

Nun kommt bald einmal der Tag,
da stehen wir
am Grab derer, die wir Vater,
Mutter nannten,
und wissen nicht, sollen wir
nun dankbar sein
oder müssen, können wir vergeben ?
Denn sie lehrten
uns ein Letztes : daß wir sterben.
Wir finden uns
entkleidet aller Göttlichkeit und
sind Mensch geworden.
Wir wissen nun, zu lieben und daß
jede Liebe
auch immer tiefen Schmerz bedeutet.

© Jost Renner

Berlin

Ich denke mir Berlin
als alte Frau
mit verhärmten Zügen
und verwitterter Haut,
die unnötig
harsch ist zu Fremden.
als könnte sie nur so
ihre Würde wahren.

Ich denke mir, sie hat
ein großes Herz,
das sie nur selten zeigt.
In ihm sind tausend Wege
aus alter Zeit
hinein ins Gegenwärtige.
Und ganz im Veborgenen
da liebt sie mich.

© Jost Renner

Formationsflug

Du fragst,
wo die Wörter wohnen.
Nicht in mir.
Sie nisten tief im Dickicht
der Welt,
verbergen sich im Blattwerk
der Stunden.
Sie fliegen hoch hinauf in
den Himmel
und wissen, den dunklen Leben
zu folgen,
als seien es mäandernde Flüsse.
Sie stürzen
hinab in Strudel, in Herzen
und fangen
glückssilbernen Fische, nähren
sich von Blut,
das stetig und schwer allem
Unglück entströmt.
Ich warte auf sie, denn ich
vermag es, sie
durch mein Schweigen zu zähmen,
bis sie dann –
meiner müde geworden – auffliegen
in einer
geordneten Schar und lesbar werden
am Himmel.

© Jost Renner