Monat: März 2016

Singe, Orpheus (Herbarium)

Du aber wandtest Dich um
und fandest
Stunden wie getrocknete Blüten,
fandest in Dir
auch Tage wie giftige Frucht,
Du stießt auf
ein zernarbtes Bild Deiner Haut,
als hätte
man Rinde vom Stamme geschält.
Singe, Orpheus,
laß uns die verwehten Düfte träumen,
laß uns nur
einmal Deine Bitterkeit schmecken.
Singe, Orpheus,
denn nichts und niemand kehrt wieder,
auch Eurydike nicht !

© Jost Renner

Perspektiven

Es ist schon
so viel Tod in mir,
und so viele
Tage schlugen Wunden,
daß wohl jede
Zukunft nur Behauptung ist.

Und doch :
ich finde in mir immer noch
auch so viel Leben
mit dem mich meine Tage
bislang nährten,
daß ich die Zukunft als ein
Versprechen seh.

© Jost Renner

Abendlicht

Nun sinkt die Sonne nieder,
und ihr Licht
gleicht süßem, schweren Wein.
Dein Blick ist
milde und will die ganze Welt
umfassen,
die sich doch in tiefen Schatten
schon verliert.
Im Verborgenen formieren sich
die Sterne
zu einem Bild, das Du nicht
deuten kannst,
und ein Wind beginnt, zu wispern :
Du, schlaf ein !

© Jost Renner