Monat: Januar 2016

Wider den Augenschein

Zum Film „Der Pannwitzblick“ (1991)

Sieh mich nicht an,
denn Deine Blicke
wissen nicht, zu sagen :
Du bist doch schön.

Schließ Deine Augen,
denn sie sind
zu Richtern geworden,
die Urteile sprechen.

Ich will unsichtbar sein,
und nur Gedichte
sollen Dir sagen, wer ich
in Wirklichkeit bin.

© Jost Renner

Dichterin (Salix babylonica)

Da steht sie
am Ufer eines Sees,
der dunkel schimmert
wie die Zeit,
und beugt sich still,
als sänne
sie den lang versunknen
Stunden nach,
als warte sie, daß man
ihr bald schon
neues Glück verspräche.
Im Wasser
spiegeln sich die Blätter,
als wären
sie tausend Seelenbilder,
geschrieben
in die Unendlichkeit.

© Jost Renner

Wache halten

Und ist mir auch bewußt,
daß Nacht
und Tod gleich unvermeidlich sind,
fürchte ich mich
doch vor jeder Art der Finsternis
und halte Wacht.
In Büchern, die ich in den stillen
dunklen Stunden
lese, bewahrt sich mir die Welt,
und schreibe ich,
dann weiß ich sicher, daß ich noch
nicht verloren ging.

© Jost Renner

Vorabend

Hörst Du denn nicht
die Krähen ?
Sie versammeln sich
rings im
winterschwarzen Geäst.
Es wird der
Mensch bald gegen den
Menschen
ziehen, und einer wird
dem andren
die bunte Haut vom Leibe
reißen.
Für die Krähen ist alles
Blut rot, und
sie glauben unbeirrt an
das Fleisch.

© Jost Renner

Gnade

Der Winter
ist eine Gnade.
Weite Flächen
aus Schnee
sind das Papier
meiner Zeit,
auf das ich mein
Innerstes schreibe.

Ist es
nicht eine Gnade,
zu glauben,
die Worte würden
einmal tauen
hinein in die Welt
und dort
ihr Teil sein –
für immer ?

© Jost Renner

Neujahr

Es ist dies neue Jahr
für mich
ein weißes Blatt Papier,
auf das ich
nach und nach mit eignen
Worten
schreiben will : von
Zweifeln,
die wie Vögel nisten und
bald schon
wieder weiterziehn, vom
Scheitern,
als seien manche Tage
Riffe,
von Dir, die Du selbst
im Schlaf
noch lächelst, und die ich
selber
ganz still lächelnd
träume.
Ich will unermüdlich
schreiben,
bis die Zeit, die Welt und
Du und ich
ganz eins geworden sind.

© Jost Renner