Monat: Mai 2015

Zorn

Ich aber zürne meinen Worten,
denn sie
sind zu leicht befunden worden
angesichts
des wiederkehrenden Unheils,
sind nichts
als eine Maske des Schweigens
und bleiben
unerhört im inneren Aufruhr.
Und doch :
sie zu sagen, ist unumgänglich
gewesen.

© Jost Renner

Die Nachtigall

In diesen ersten warmen Nächten,
die allein nicht zu ertragen sind,
da sich der Himmel endlos weitet,
daß selbst ein Gott darin verloren geht,
singt, ein Schatten unter Schatten,
in dunklen Büschen eine Nachtigall,
singt, bis am Himmel Sterne flammen
und meiner Seele Sehnsucht Wege weisen.

© Jost Renner

Bitte (Bellis perennis)

Mutter Sonne,
bevor Du nun gehst,
bitte, schenk uns ein Licht !
Wir wollen es
in unseren Herzen bewahren.

Schlafen wir dann,
so kommt zu uns im Mondlicht
ein Engel, der
ganz sanft unsere Blüten küßt
und uns sagt,
wie lieb wir ihm seien.

Mutter Sonne,
wir werden wissen, dieser Engel
warst Du.

© Jost Renner

Die Seele (Seite 4)

„Wer schreibt, will Zeit in Seele wandeln.“ Judith Kuckart

Für U. in memoriam

Als Dir
die Zeit die Worte
nahm, da
bist Du still gegangen.
Doch waren
Deine Stunden, Jahre längst
geschrieben
und sind nun eine große,
heimatlose
Seele in der Welt.
Und wir,
wir dürfen, müssen uns
erinnern.

© Jost Renner

Anfang Mai

Die Sonne ist noch unentschieden
und bleibt nicht lange,
doch in den Bäumen brodelt wild
schon aufgeregtes Grün.
Die ersten Blüten sind bereits
gefallen und trieben
dann in einer warmen Windbö fort.
In den Nächten aber
senkt sich aus endlos leerem Himmel
Kälte, und jede Seele,
die sich schon in einem schönen
Traum erheben wollte,
legt sich still noch einmal nieder :
wartet zitternd, friert.

© Jost Renner