Monat: April 2015

Begegnung (Betula pendula)

Da steht sie vor mir :
emporgewachsen
aus versehrtem Boden,
und es scheint,
sie wäre ein Stück des
Himmelslichts, das
auf die Erde niederfiel.
Weißgewandet und
unnahbar ist sie Priesterin
der neuen Zeit
und segnet still das Land.
Mich drängt es,
daß ich zu ihr eile und
auf weiße Haut
von Stürmen, gebrochnen Herzen
und von Hoffnung
schreibe, und ahne leise doch :
sie weiß.

© Jost Renner

Ein Trost

Unversehens steht
ein Dir vertrauter Name
im großen Totenbuch der Zeit
geschrieben und
mit ihm auch all das Ungesagte,
das sich von nun an jede Nacht
in Deine Träume schleicht.
Einmal aber,
wenn Du nicht mehr weinen mußt,
wirst Du in Dir
den Vertrauten wiederfinden,
und er wird Dir auferlegen,
Dir endlich selber zu vergeben :
denn Du nanntest seinen Namen,
hast ihn immer Freund genannt
und somit doch immer
alles Wesentliche gesagt.

© Jost Renner

Wagnis

Angesichts des Himmels sind Worte
immer ein Wagnis,
denn niemals könnten sie die Sonne,
die Sterne berühren.
Einer der schreibt, muß den Winden
vertrauen, die
das Wort auf fruchtbaren Boden zu
tragen vermögen,
wo es im Verborgenen keimen darf,
bis einmal einer
es wagt, sich zum Himmel zu denken.

© Jost Renner