Monat: März 2015

Mutter / Boden (Pinus sylvestris)

Entflohen dem Boden,
der garstig-sandigen Mutter,
die, obwohl längst gestorben,
mich immer noch nährt
mit sauer-bitterem Schmerz.

Entflohen hinauf
in die Fremde des Himmels,
die Sprache der Winde zu lesen und
Eigenes auf Wolken zu schreiben –
vom Zweifel und meinem Wunsch,
einmal nur Blätter zu tragen.

© Jost Renner

Nachtmahr

Ich wünschte mir, ich dürfte sagen,
daß die Nächte freundlich wären.
Doch sie sind es nicht.
Die Dunkelheit zieht durch die Stadt,
klaubt wahllos Menschen von den Straßen
um sie dann zu fressen.
Und die, die sich noch retten konnten,
stürzen blind in kalte Lieben,
die sie verbrennen wie ein wilder Schmerz,
und sind bei Tageslicht allein.
Schliefe ich, so kämen bald die Träume und
rissen mir die Haut vom Leib.
So bewache ich Nacht für Nacht die Stille,
als bewachte ich ein Grab,
und säe Tränen, aus denen einmal Worte wachsen.

© Jost Renner

Ausguck (Pelargonium X Hortorum)

Sie schauen,
wer kommt und wer geht,
oder schauen ins Graue.

Sie lauschen
auf schrille Töne spielender Kinder
oder sie lauschen der Stille.

Sie lehnen sich
bewegungslos und geduldig
auf die Brüstungen ihrer Balkone.

Kein Wind
will es wagen, den rosa-weißen Stoff
ihrer Kittelschürzen zu kräuseln.

Und wird es dann
dunkel am Abend, so wissen sie,
vom Leben zu sagen, und werden doch
schweigen.

© Jost Renner

Furcht

Ich mag
meine Augen nicht schließen
und lese
bei künstlichem Licht
dem kommenden Tage entgegen,
bis mich
die Müdigkeit zwingt.

Ich mag
meine Augen nicht schließen
und will
Schwäche und Schmerzen ertragen,
will atmen,
bis mich die Müdigkeit zwingt,
denn ich
fürchte mich vor einer Welt
ohne mich.

© Jost Renner

Reminiszenz

Die wunde Haut aus Kindertagen
ist hart geworden und vernarbt.
Die hellen Taschenlampen-Lagerfeuer,
die einst in meiner Seele brannten,
sind seit langem schon erloschen.
Und doch : wenn ich die liebsten Bücher
meiner Kindheit wieder lese, so ist’s,
als sähe ich am dunklen Daunenhimmel
einen Ballon ins Unbekannte fahren.

© Jost Renner

Vorfrühling

Noch ist mir das Kleid
aus grauem
Himmelsstoff zu schwer,
noch gefriert
beim Reden jedes Wort,
und alles
Lächeln scheint ein Traum.
Doch die Winde
haben längst begonnen,
ein leichtes,
blaues Tuch zu weben,
das mich
behaglich wärmen wird.
Und ich weiß,
ich will mich regen – bald.

© Jost Renner